https://www.faz.net/-gqz-73dih

Wladimir Putin wird 60 : Zarengeburtstag

  • -Aktualisiert am

Am Sonntag erreicht Wladimir Putin das offizielle Rentenalter - und gibt sich schon einmal großmütig und beschwört die Rolle der Kultur.

          1 Min.

          Russlands Alphatier Wladimir Putin wird weise. Da die Bürgerproteste gegen seine Rückkehr auf den Kremlthron abebben, gibt der Präsident sich jupiterhaft großmütig. Soeben überschüttete Putin den Schriftsteller Wladimir Woinowitsch, seinen prononcierten Kritiker, zu dessen achtzigstem Geburtstag mit Komplimenten. Woinowitsch habe ganze Epochen einander ablösen sehen, er sei dabei aber seiner hohen Berufung als Wortkünstler, seinen sittlichen Idealen sowie seiner staatsbürgerlichen Position stets treu geblieben, heißt es in Putins Glückwunschtelegramm an ihn.

          Und das nur Tage nachdem der Jubilar in der Moskauer Zeitung „Moskowski komsomolez“ die Verdummung, Paranoia und Bigotterie in Russland unter Putin beklagt und dessen Deltaplanflug mit den jungen Kranichen verspottete. Zuvor hatte das Staatsoberhaupt die Autorin eines Putin herb entlarvenden Buches, Mascha Gessen, die, weil sie seinen Kranichflug journalistisch nicht begleiten wollte, den Chefredakteursposten des Journals „Um die Welt“ (Wokrug sweta) verlor, in den Kreml gebeten und zur Rückkehr eingeladen - was Frau Gessen allerdings ausschlug.

          Jetzt, da er selbst das offizielle Rentenalter erreicht, beschwört der misstrauische Präsident, der nach dem Pussy-Riot-Prozess freier atmet, die konsolidierende Rolle der Kultur. Auf einer feierlichen Sitzung seines Kulturrats im reichvergoldeten Thronsaal des Kremls sprach Putin vom kulturellen Code der Gesellschaft, der ihr moralisches Rückgrat bilde und der sich permanent weiterentwickeln müsse, aber auch degenerieren könne, was dann höchst zerstörerische Folgen habe.

          Das konnte jeder verstehen, wie er wollte. Filmregisseur Alexander Sokurow, ein Ratsmitglied, mochte an die Erhaltung der historischen Petersburger Innenstadt denken, Schriftsteller Alexej Warlamow, ein Zweites, an die Lese- und Sprachkompetenz bei Jugendlichen, Klostervorsteher Tichon, ein Drittes, an die Führungsrolle der orthodoxen Kirche und ihre strategische Allianz mit dem Islam, worauf die Elite zusehends baut.

          Putin, der erst unlängst die Schulreform absegnete, die akademische Fächer auf Kosten von wehrsportlichen reduziert, beteuerte jetzt, er teile die Sorge vieler Künstler und Intellektueller angesichts verminderter Unterrichtsstunden in geisteswissenschaftlich musischen Fächern. Russlands mächtigster Mann fühlt sich möglicherweise auch deswegen so sehr zur Natur, zu Tigern, Bären und Störchen hingezogen, weil er an die von ihm regierten Menschen nicht mehr glaubt. Am kommenden Sonntag feiert Putin, der soeben das Höchstalter für seine Getreuen auf siebzig Jahre anhob, seinen sechzigsten Geburtstag.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Das Handwerk des Tötens

          Literatur aus Israel : Das Handwerk des Tötens

          Innen sweet, außen stachelig: Der israelische Autor Yishai Sarid erzählt in seinem neuen Roman „Siegerin“ von der Zumutung, die es bedeutet, junge Menschen in den Krieg zu schicken.

          „Tatort: Was wir erben“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Tatort: Was wir erben“

          Der Tatort „Was wir erben“ läuft am Sonntag, den 25. April 2021 um 20.15 Uhr im Ersten.

          Topmeldungen

          Drei Nachbarländer öffnen : Viel Not, wenig Bremse

          Trotz hoher Inzidenzwerte wollen drei Nachbarländer Deutschlands Schulen, Geschäfte oder Kinos öffnen. Warum gehen Frankreich, die Niederlande und Österreich diesen Schritt?
          Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) im Kieler Landtag

          Daniel Günther im Gespräch : „Laschet kann Wahlen gewinnen“

          Daniel Günther, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, verteidigt die Entscheidung für Armin Laschet, hält das Corona-Regelwerk für ausreichend und will auch im F.A.Z.-Interview nicht gendern.

          Ärger bei Klopp und Guardiola : „Das ist unmöglich“

          Im Wirbel um die Super League hat die Uefa ihre Champions-League-Reform nahezu geräuschlos durchgewunken. Diese neuen Pläne sorgen nun für heftige Kritik. Spieler und Trainer äußern Befürchtungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.