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Wladimir Putin : Märchenheld mit Rambo-Komplex

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Verzerrte Perspektiven verstehen sich von selbst: Die Moskauer Andenkenläden wissen, was sich zum Ruhme des Landes gut verkaufen lässt. Bild: AP

Wer in meinem Land als Staatschef populär sein will, muss Stalins Vorbild folgen: Wladimir Putin besitzt den Schlüssel zur Seele des russischen Volkes. Ein Gastbeitrag.

          Neulich fahre ich von der Datscha zurück nach Moskau, da sehe ich im Strom der Autos einen dicken Geländewagen, auf dessen Heckklappe ein eindrucksvolles Bild prangt: Stalin und Putin, einander zugewandt vor dem Hintergrund einer sowjetischen und einer russischen Flagge, demonstrieren mit gebieterischem, nur angedeutetem Lächeln ihre Einheit als politische Himmelsbewohner. Alle fahren einfach weiter, keiner reagiert. Ich guckte in ihre beseligten Gesichter und begriff: Russland war niemals und wird niemals Europa sein, wir ähneln niemandem, Europa lebt in einer sich wandelnden Geschichte, wir aber leben in einem ewigen Märchen. In Europa sind die Grundlagen des Lebens Zeit und Bewegung, in Russland ist es der verwunschene Raum.

          Martin Heidegger schrieb in seinem Essay „Was ist das - die Philosophie?“, dass „das Abendland und Europa, und nur sie, in ihrem innersten Geschichtsgang ursprünglich ,philosophisch‘“ seien. Im Unterschied zu Europa ist Russland antihistorisch, es hatte nie eine Geschichte, die philosophische Bedeutung besitzt.

          Archaisches Russland

          Russland wurde zum Raum für ein Zaubermärchen, in dem jede Handlung unterschiedliche, oft genau entgegengesetzte Bedeutungen hat. Wir sind bis heute nicht sicher, ob es in der mittelalterlichen Rus das mongolisch-tatarische Joch, welches dreihundert Jahre währte, tatsächlich gegeben hat oder nicht oder ob das ein kluger politischer Kompromiss mit den Tataren war. Wir haben noch immer nicht unseren Streit mit den Polen ausgefochten, die in der Zeit der Wirren Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die Macht in Moskau übernahmen und dann von dort vertrieben wurden. Wer war Zar Peter der Große? Ein Diktator oder ein Reformator? Ereignete sich die bolschewistische Revolution von 1917 zufällig oder folgerichtig? Und dann gibt es unter den Russen die unterschiedlichsten Ansichten über die Sowjetunion, Lenin, Gorbatschow, Jelzin und so weiter. Was aber erstaunlich ist: Bei all diesen Unterschieden existiert Russland ohne eine einheitliche historische Zeit, vielmehr in verschiedenen Zeiten zugleich. Es hat Elemente vom Lebensstil und der Denkweise unterschiedlicher Epochen, beginnend mit dem siebzehnten Jahrhundert.

          In Russland triumphiert eine archaische Denkweise, die alles aus der Perspektive „unser - nicht unser“ bewertet und fest daran glaubt, dass man Eigenes auf keinen Fall verraten dürfe, Fremdes dagegen schon, dass man dazu sogar verpflichtet sei. Zu diesem Fremden gehört auch der Westen, den wir als Lieferanten innovativer Technologien brauchen, der zugleich aber eine ideologisch feindlichere Zivilisation ist als der islamische Iran. Selbst der in Russland verbotene IS hat verdächtige Ähnlichkeit mit dem Russland des Bürgerkriegs (1918 bis 1920) mit all seinen Greueltaten, seinem Klassenhass, den Hinrichtungen und den Vergewaltigungen von Tausenden Frauen. Wir sind die Nachfahren dieser grausamen Ideologien, die in unseren Köpfen zermahlen wurden und Sklavenpsychologie, Angst und Misstrauen gegenüber Veränderungen erzeugt haben.

          Russischer Anti-Held: Michail Gorbatschow bei einem Treffen mit Ronald Reagan in Reykjavik

          Der Westen fragt jetzt, warum Russland nach irgendwelchen eigenen Gesetzen lebt und die Gesetze der zivilisierten Welt missachtet. Diese Frage zeigt, dass der Westen die Lektion „Was ist Russland?“ nicht gelernt hat. Russland glaubt fest an die Einzigartigkeit seines Zaubermärchens, in dem von Gott auserwählte Menschen leben, die sich für unvergleichlich viel besser halten als diese seelenlosen Europäer. Im Märchen kann es Bösewichte, Antihelden und Provokateure geben, die wie Gorbatschow (Ich wünsche Ihnen, Michail Sergejewitsch, anlässlich Ihres kürzlich gefeierten 85. Geburtstags gute Gesundheit!) unsere verhexte Welt vernichten wollen, doch unser märchenhaftes Volk widerstand ihm. Wir haben uns nicht auf den Weg der Geschichte begeben, weder unter Gorbatschow noch während der Moskauer Protestbewegung von 2011/12. Wir sind im Märchen stecken geblieben, unserem grausamen, schrecklichen, aber ureigenen, vertrauten Märchen.

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