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Wladimir Putin : Märchenheld mit Rambo-Komplex

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Noch aber gibt es ein Potential für das russische Märchen mit einigen Elementen des sowjetischen Imperialismus, ungeachtet der Wirtschaftskrise, der Sanktionen und anderer ungünstiger Faktoren. Die Kreml-Herrscher sind sich sicher, das Volk wird sie nicht im Stich lassen, besonders dann nicht, wenn man ihm so großes Kino bietet wie die Eroberung der Krim, den Krieg im Donbass oder die Rückkehr auf die internationale Bühne in Syrien. Natürlich besteht das Risiko eines großen Krieges, wie die Krise in den Beziehungen zwischen Russland und der Türkei gezeigt hat. Aber unsere Fernsehmacher haben keine Angst vor Krieg - sie propagieren, dass wir es sind und unser Atompotential, wovor man Angst haben muss. Noch nie habe ich einen großen Krieg als so nah und möglich empfinden müssen. Das ist wie ein nächtlicher Albtraum.

Zerbrechlichkeit des europäischen Humanismus

Wenn ich darüber nachdenke, wie man überhaupt mit diesem Horror spielen kann, fällt mir der Herostrat-Komplex ein. Mir scheint, dass sich dieser Komplex im Kreml eingenistet hat. Die allmählich alternde Obrigkeit scheint nicht das Gewöhnliche „Nach uns die Sintflut“ beschlossen zu haben, sondern das Außergewöhnliche: „Nach uns atomarer Staub.“

All das besagt, dass Präsident Putin, unser derzeitiger Alleinherrscher, ein interessantes Phänomen ist. Weder die europäische Geschichte noch das russische Zaubermärchen werden ihn je vergessen, das ist sicher. Dass er starke Gefühle von Furcht und Faszination bei Millionen Menschen in der Welt weckt, zeugt nicht so sehr von seiner Größe, als von der Zerbrechlichkeit des europäischen Humanismus, der Schwäche der aufgeklärten Demokratie, dem Niedergang der allgemeinmenschlichen Werte in unseren Tagen. Putin, das ist die Welt hinter den Spiegeln der Menschlichkeit.

Es gibt auf der Welt Rambos und Romantiker, aber Putin fällt in das ganz eigene Genre des romantischen Rambos, der das russische Volk damit verführt, dass er einer von uns ist. Was die Russen nicht mögen: Einschränkung durch Gesetze und die Verantwortung der Freiheit. Sie bevorzugen eine Selbstdarstellung auf unberechenbare, oft ziemlich suspekte Weise, zumindest aus der Sicht polizeilicher Ordnung. Zudem glauben sie als Träumer und Utopisten an die romantische Transformation der Wirklichkeit. Möglicherweise zum ersten Mal in der Geschichte Russlands stimmt sein Präsident in Seele und Charakter mit der angestammten Bevölkerung des Landes überein.

Galerie russischer Persönlichkeiten am Winzavod Kunstzentrum in Moskau

Michail Gorbatschow wurde vom Volk für seine unverständlichen Reformen gehasst, Jelzin war ein Trinker, und da tauchte sozusagen aus dem Nichts Putin auf, der Junge aus dem Petersburger Hinterhof, der Sohn einer Putzfrau und eines Pförtners, arm, klein gewachsen, mit nervösen Lippen.

Seine erste Schule für Romantik und Rambotum war die Turnhalle. Sein Sambo-Lehrer war ein ehemaliger Häftling. Gefängnis in Russland, das ist ebenfalls Extremromantik, Banditen sind angesehene Leute in der Welt des Untergrunds.

Seine zweite Schule für Romantik und internationales Rambotum war der KGB. Unser Volk liebt die Romantik der Spione. Eine der populärsten Fernsehserien aus den siebziger Jahren, „Siebzehn Augenblicke des Frühlings“, handelt von sowjetischen Geheimagenten. Die Hauptfigur ist der blendend aussehende, hochintelligente Maxim Issajew, der im Frühjahr 1945 in Berlin als sowjetischer Geheimagent wirkt.

Putin durchlief noch eine wichtige Schule der Rambo-Romantik: die Arbeit bei der Petersburger Stadtverwaltung in den neunziger Jahren. Hier begann ein wahrer Goldrausch - Putin deckte sich ein mit Geld, Freunden und zwielichtigen Bekanntschaften.

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