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Wladimir Putin : Märchenheld mit Rambo-Komplex

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Putin lacht!

Wer begreift, dass der russischen Welt das Märchen von Größe und Glück innewohnt, das ganz bestimmt wahr wird, der wird für viele Jahre Herr in Russland sein. So war es mit Stalin. Stalin hat Millionen Landsleute umgebracht, aber heute hält ihn fast das halbe Land für einen positiven Helden. Er selbst hat sich aus einer politischen Figur in eine Märchengestalt verwandelt, das mythologische russische Bewusstsein hat ihn von allen Sünden gereinigt, das Blut abgewaschen, ihn gefiltert und zum russischen Gott erklärt (ungeachtet seiner georgischen Herkunft). Und so landete er auf der Heckklappe des Geländewagens!

Putin folgte Stalins Vorbild. Auch er empfand den russischen Raum als Märchen, identifizierte die Feinde dieses Raums und schickte sich an, die russischen Gebiete einzusammeln, die beim Zerfall der Sowjetunion verlorengegangen waren.

Viele westliche Politiker und Journalisten meinen, er sei verrückt geworden. Ich denke: Er ist bereit, sie alle auszulachen. Und er lacht! Er ist sich sicher, dass er absolut recht hat, wenn er die russische Märchenwelt vor den schlimmen Hexenmeistern und Dämonen Europas und Amerikas beschützt. Vielleicht steht zum ersten Mal, seit Russland existiert, ein Mann an der Spitze des Landes, der den Schlüssel zur Psychologie des Volkes gefunden hat. Und Stalin? Nein, Stalin wollte die menschliche Natur nach einem abstrakten imperial-kommunistischen Ideal umkrempeln. Er wollte aus dem einen russischen Märchen ein anderes machen, und das ging nicht ohne großes Blutvergießen ab. Putin aber will die archaische Dekoration gar nicht ändern. Im Gegenteil, in der derzeitigen Kreml-Propaganda bei den staatlichen Fernsehsendern wird emsig am Märchen gebaut: Alles funktioniert nach dem Prinzip „das Eigene - das Fremde“, „Freund - Feind“, „unser - nicht unser“. Feinde müssen vernichtet werden, man kann mit ihnen kommunizieren, wenn sie stark sind. Ein schwacher Feind ist ein toter Feind.

Reingewaschener Märchenheld: Stalin Porträt in einer Kirche seines Geburtsorts Gori

Die Macht und die Bedeutung des archaischen russischen Märchens mit dem festen Glauben an unsere nationale Einzigartigkeit sind der Grund für die Unvorhersehbarkeit der Handlungen des heutigen Russlands. Ein bestimmter Teil der Einwohner der großen russischen Städte, besonders Moskaus und Petersburgs, mit einer mehr oder weniger formierten Mittelschicht, träumt davon, aus dem Märchen auszusteigen. Aber die außerparlamentarische proeuropäische Opposition glaubt nicht an das russische Märchen, bemerkt es gar nicht, denn das Märchen besetzt kein politisches, sondern ein metaphysisches Feld des Landes. Die Opposition hält die Kreml-Herrscher für Diebe und Verrückte und glaubt naiv, das Volk werde, wenn die nächsten Parlamentswahlen ehrlich durchgeführt würden, für Demokraten und Liberale stimmen. Das ist eine Utopie. Unser Volk ist in allem gut, nur besitzt es keinerlei politisches Bewusstsein, weshalb es ein hervorragendes Ziel für Manipulationen abgibt.

Im Ernst, die einzige Form, mit der Bevölkerung zu arbeiten, ist Aufklärung. Wenn die staatlichen Fernsehsender mit ihrer Propaganda unglaubliche Resultate erzielen konnten und die Russen zum Beispiel glauben, dass der Majdan das Werk der Amerikaner war, dann ist es zwar schwieriger, aber dennoch realistisch, unserer Bevölkerung zu erklären, dass im 21. Jahrhundert das archaische Märchen unser Land in die vollkommene Selbstisolation führen wird und nur eine Annäherung an Europa Russland gesund machen kann. Ja, die Kreml-Propaganda bemüht sich mit ganzer Kraft, Europa als schwach und hilflos vorzuführen, es als potentiellen Gegner Russlands hinzustellen - wobei Amerika immer noch Feind Nummer eins bleibt -, dabei haben wir keine Zukunft ohne Europa, und die Fortsetzung des russischen Märchens ist, gelinde gesagt, ein nicht gerade weitsichtiges Projekt.

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