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Wladimir Kaminer : Papa schreibt das so oder so auf

  • Aktualisiert am

Familie Kaminer in ihrer Berliner Wohnung: Ehefrau Olga, Tochter Nicole, Vater Wladimir und Sohn Sebastian (v.l.) Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Wladimir Kaminer hat ein neues Buch geschrieben, in dem es um seinen Alltag geht - und um den der Menschen, die ihn umgeben, über seine Frau Olga, seine Tochter Nicole und seinen Sohn Sebastian. Wie ist das eigentlich, wenn der Vater über einen schreibt?

          Euer Vater ist Schriftsteller. Er schreibt über das, was er so erlebt. Er schreibt auch über das, was ihr so erlebt. Zum Beispiel steht in seinem neuen Buch, Nicole, dass du gesagt haben sollst, dein Schulleiter sehe aus wie ein Vampir.

          Nicole: Es ist aber in Wahrheit eine Schulleiterin.

          Und was sagt die dazu?

          Nicole: Manchmal erwähne ich Sachen, und mein Vater schreibt die auf, auch wenn ich das vielleicht gar nicht wollte, aber bis jetzt ist alles gut, und ich beschwer’ mich bis jetzt auch nicht.

          Vater Wladimir Kaminer

          Es steht auch in dem Buch, dass dein Vater deine Hausaufgaben mit Hilfe des Internets macht. Da kriegst du in der Schule keine Probleme?

          Nicole: Ach, das macht eigentlich jeder. Ich glaube, die Lehrer wissen sogar, dass das alle mit Internet machen.

          Wladimir: Natürlich gibt es Reaktionen aus der Schule. Die Schulleiterin von Sebastian hat mir zum Beispiel ein Kilo Knete geschenkt, weil ich aus ihrer Sicht geschrieben habe, dass die Eltern zu viel Geld für Knete und Buntstifte ausgeben müssen. So hat sie mich gelesen, jeder hat seinen eigenen Blick. Aber wir sind keine bösen Menschen, und die meisten können das auch erkennen. Meine Devise lautet: reingehen, verstehen und handeln. Wir haben jetzt in Sebastians Grundschule eine wohltätige Aktion gemacht, wir haben Geld gesammelt für ein grünes Klassenzimmer. Die Schule von Sebastian ist nämlich keine normale Schule mehr, sondern Bio. Da möchte ich helfen. Die Schulleiterin und ich, wir sind Kollegen. Wir helfen einander. Sie liefern mir Geschichten, ich sorge für ein grünes Klassenzimmer.

          Lesen Sie Ihrer Familie vor, was Sie geschrieben haben, und fragen sie, ob das veröffentlicht werden darf?

          Wladimir: Literatur muss das Leben schildern, so wie das Leben ist. Publizistik schildert es so, wie es sein soll. Publizisten müssen vorher fragen, ob es okay ist, etwas zu veröffentlichen.

          Sebastian: Stimmt gar nicht.

          Wladimir: Doch, es steht auf meinem Buch auf der letzten Seite, schwarz auf weiß. Dass Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen nur beabsichtigt sind, wenn diese Personen sich wiedererkennen wollen.

          Er fragt also nicht.

          Sebastian: Nein.

          Erfindet euer Vater viel?

          Sebastian: Ja.

          Sollte er noch viel mehr erfinden?

          Sebastian: Nein.

          Nicole: Ich finde es okay, dass er einiges erfindet.

          Wladimir: Ich auch.

          Macht ihr extra lustige Sachen und sagt besonders intelligente Sätze zweimal, damit er sie auch bemerkt und notiert?

          Sebastian: Nee, wir müssen gar nichts machen. Papa schreibt das so oder so auf.

          Nicole: Mein Vater fragt mich aus, was in der Schule passiert ist, ob irgendetwas war, was er in seinen Büchern schreiben könnte, und so erfährt er doch einiges.

          Gab es schon Geschichten, die in einem Buch standen und die ihr lieber geheim gehalten hättet?

          Sebastian: Ja.

          Nicole: Das kann der Papa erzählen.

          Wladimir: Welche Geschichte?

          Sebastian: Die mit Marie-Louise oder wie auch immer . . .

          Wladimir: Ja, ich habe geschrieben, Sebastian und Marie-Louise wären ein Paar, und das stimmt nicht, das wird in der nächsten Auflage richtiggestellt.

          Sebastian: Vor allem gibt es die gar nicht.

          Wladimir: Meine Kinder haben mir mehrere Seiten mit Richtigstellungen gebracht, die in der nächsten Auflage eingearbeitet werden.

          Im „SZ“-Magazin schreibt der Autor Axel Hacke eine Kolumne über seine Frau und sein Kind und seinen Kühlschrank. Irgendwann im Laufe der Jahre waren es plötzlich eine andere Frau, ein neues Kind, aber die Kolumne ging weiter, als wäre nichts gewesen. Kann es passieren, dass man seine Familie als Stofflieferanten benutzt?

          Wladimir: Ich glaube, dass man in erster Linie die Teile des Lebens wahrnimmt, die einem am nächsten stehen. Es ist schwierig, über etwas wahrhaftig zu schreiben, das man nie zu Gesicht bekommen hat. Insofern verstehe ich schon Axel Hacke, dass der nicht über Australien, sondern über seine Familie schreibt, sei es nun seine alte oder seine neue.

          Hören Sie öfter den Satz „. . . aber schreib das nicht in einem Buch!“?

          Olga: Es ist eher umgekehrt.

          Wladimir: Wenn jemand kommt und sagt, ich habe dir so eine tolle Geschichte zu erzählen, das ist so lustig, dann kannst du getrost nach Hause gehen.

          Wenn Sie schreiben, müssen dann alle ganz still sein und auf Zehenspitzen herumlaufen, wie die Kinder von Thomas Mann?

          Nicole: Das Schild an der Tür vom Arbeitszimmer, das sagt alles.

          Was steht da?

          Wladimir: „Besetzt bis 18 Uhr!“

          Nicole: Das hat mein Vater rangehängt, weil wir ihn immer gestört haben.

          Also müssen alle leise sein?

          Sebastian: Ja.

          Nicole: Wir laufen eigentlich schon oft hier im Arbeitszimmer herum, aber dann beschwert sich mein Vater.

          Wladimir: Ach, wenn man eine gute Geschichte hat, kann einem nichts im Wege stehen. Da braucht man weder Tisch noch Stuhl, da können keine Kinder und keine Alten einem was anhaben. Das schreibt man dann auch auf den Knien oder am Fensterbrett. Wenn man tatsächlich was zu erzählen hat, das ist die Grundvoraussetzung.

          Sebastian: Darf ich jetzt gehen?

          Deine Schwester kann ja stellvertreten.

          Nicole: Nee, kann ich nicht.

          Sebastian: Tschüss.

          Nicole, du kannst wahrscheinlich besser Deutsch als deine Eltern. Liest du die Texte von deinem Vater auf Fehler?

          Nicole: Nur manchmal. Mein Vater schreit nur manchmal so Der-die-das-Fragen zu mir rüber.

          Wladimir: Ich habe inzwischen eigentlich ein gutes Gespür entwickelt für das richtige Wort. Und ich weiß aus Erfahrung, dass auch ein sehr dickes Wörterbuch nur Quatsch beinhaltet. Wenn man dort nach dem richtigen Wort sucht, findet man nur, was man vorher schon wusste. Meine Tochter kennt diese neue Sprache, die Sprache der heutigen Jugend, die ich nicht kennengelernt habe, deswegen frage ich sie oft nach einem solchen richtigen Ausdruck.

          Olga: Ich frage sie sogar, wenn ich nur eine E-Mail schreibe.

          Viele deutsche Autoren haben ein verklemmtes Verhältnis zur Familie und schreiben am liebsten gar nicht darüber. Hat Familie in Russland einen anderen Stellenwert? Werden Männer jung Väter, oder zieren sie sich da auch so lange wie hier?

          Wladimir: Hier ist das Klima so, dass die Individuen es leichter haben. In Russland ist es umgekehrt. Da ist es kalt, die Leute sind angewiesen auf ein kollektives Dasein. Familie ist eine der Formen davon. Ich bin nie allein gewesen. Ich war im Kindergarten, dann Schule bis 18 Uhr – verlängerter Tag hieß das in Russland –, dann Armee, in der Kaserne mit dreihundert Soldaten in einem Zimmer schlafen, später Hippiekommune, Ausländerwohnheim . . . Noch heute – wenn wir essen gehen – sind wir meistens zu zwölft. Das gehört zur Kultur, und die Kulturen unterscheiden sich Gott sei Dank ja doch ein bisschen. Ich möchte nicht behaupten, dass die eine Lebensform besser ist als die andere, aber ich denke, dass die Freiheiten, die hier so großgeschrieben werden, in Wirklichkeit keine sind, sondern kleine Befreiungen, die den Leuten einen hohen Preis abverlangen. Aber ich gebe Ihnen recht: Ab einem bestimmten Alter sehen Männer ohne Familien nicht gut aus.

          In „Salve Papa“ geht es in vielen Geschichten um die Schule. Wie finden Sie das deutsche Schulsystem?

          Wladimir: Die Geschichten sind auf der einen Seite natürlich komisch, auf der anderen Seite war es für mich eine ernsthafte Entdeckung. Nicole hat ihr erstes Schuljahr auf dem Gymnasium mit einem Anti-Mobbing-Projekt begonnen. Ich habe ihren Lehrer gefragt, wieso, die kennen sich doch alle untereinander noch gar nicht. Das helfe später, sagt er, wenn sie sich kennenlernen. Ein Anti-Mobbing-Projekt mit einander Fremden, das ist im Grunde genommen eine visionäre Art zu unterrichten, die ich sehr unterstütze.

          Für alle, die das Buch nicht kennen: Nicole kam in die 5. Klasse, und in den ersten Tagen wurde szenisch durchgespielt, wie es ist, wenn jemand gemobbt wird, wie der sich dann fühlt und so weiter.

          Wladimir: Der Lehrer hat mir die Mobbing-Kandidaten gezeigt. Ein Mädchen, das sehr dick ist. Ein Junge aus Kladow . . .

          Nicole: Das Projekt hat aber gar nichts genützt.

          Wladimir: Aber du weißt nicht, wie es wäre, wenn ihr dieses Projekt nicht gemacht hättet.

          Nicole: Das einzig Gute daran war, dass wir schulfrei hatten.

          Wladimir: Ich unterstütze all diese visionären Praktiken sehr. Sozialisierung ist wichtiger als Wissen. Wenn es auch etwas sehr Komisches hat, weil alle Menschen hier in irgendwelchen Vereinen stecken. Ich habe von einer Einschulung gehört, bei der ein Elternteil jedes Kind gezeichnet hat und dann die jeweiligen Eltern berichtet haben, wie sie ihr Kind sehen. Das haben die sich sicher bei irgendeinem Anonyme-Alkoholiker-Treffen abgeguckt. Aber die Menschen hier machen mit, die mögen das. Das ist auch etwas, das Deutschland auszeichnet. Diese Lust zur Selbstöffnung in der Gruppe.

          Sie sind für die deutschen Medien der Russlandexperte. Wann immer irgendetwas mit Russland ist, werden Sie um Ihre Meinung gebeten.

          Wladimir: Ich werde auch von der russischen Seite angerufen.

          Da sind Sie Deutschlandexperte?

          Wladimir: Ja.

          Wer zahlt besser?

          Wladimir: Wenn die Russen mir einen Job anbieten, eine Kolumne aus Berlin, irgendetwas, dann sagen sie immer: Egal, was dir die Deutschen zahlen, wir zahlen das Doppelte. Aber ich schreibe keine Kolumnen mehr. Ich schreibe gerade ein Buch über die Kunst und ihre Auswirkungen auf die Künstler. Es wird ein sehr tragisches Buch, weil fast alle am Ende sterben.

          Ein Sachbuch? Ein Roman?

          Wladimir: In meiner Welt gibt es keine Sachbücher und Romane, sondern nur wahrhaftige Literatur. Bei einem Krimi habe ich mich nie gefragt, wer der Mörder ist, sondern ich habe mich immer gefragt, warum so viele am Leben geblieben sind.

          Olga: Das ist der Sinn der Sache. Wenn alle sterben, ist es kein Krimi. Wer soll das lösen?

          Wladimir: Ein Krimi, wo am Ende alle tot sind, ist der perfekte Krimi.

          Nicole: Ich will einen Mörder!

          Olga: Jeder will einen Mörder in einem Krimi, das ist meine Meinung.

          Nicole: Mama, rate mal, wer „Final Destination“ gucken durfte? Die Marie.

          Wladimir: Der Vater ist Polizist, die Mutter Lehrerin.

          Nicole: Die darf sonst gar nichts. Ich will das auch gucken.

          Was ist „Final Destination“?

          Nicole: Das ist ein Grusel-Horrorfilm . . .

          Wladimir: . . . wo alle sterben. Ich kenne jemanden, der das gesehen hat, der ist sehr nachdenklich geworden.

          Nicole: Ich will auch nachdenklich werden.

          Wäre Schriftstellerin auch ein Beruf für dich?

          Nicole: Also, den Beruf finde ich an sich nicht schlecht. Aber ich hab’ bis jetzt noch nicht so gute Ideen, was ich schreiben könnte.

          Über deinen Vater?

          Wladimir: Wir sind gerade dabei, eine Mädchenband zu gründen. Wir denken eher an eine Musikerkarriere.

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