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Wissenschaftsdrama : Manches über meine Mutter

Genetik als Drama der Identität: Miriam Yung Min Stein auf der Bühne des Berliner HAU 3 Bild: Braun/drama-berlin.de

Was verraten die Gene über die kulturelle Identität eines Menschen? Nicht so viel, wie einmal versprochen wurde. Das zeigt das Experiment eines Berliner Wissenschaftstheaters.

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          Wer spricht, wenn die Gene sprechen? Es muss zumindest jemand anderes als sie selbst sein. Denn Gene, für sich betrachtet, sind stumm. Die Rede von der Sprache der Gene und dem Buch des Lebens ist metaphorisch. Es waren Mathematiker, Physiker, Kybernetiker, die in den fünfziger Jahren die Sprache der Informationstheorie in die Biologie importierten und dem Reich des Lebendigen seinen geheimdienstlichen Zuschnitt eintrugen. Weil diese Wissenschaftler vorher mit Kaltem Krieg und Kryptographie zu tun hatten, wollten sie jetzt biologische Codes knacken. Aber hinter der geöffneten Tresortür liegt die Genkarte erst einmal nur wie eine weitere Geheimschrift.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          In der zuständigen Wissenschaft ist die Gen-Euphorie abgeklungen, mittlerweile steht sogar die Idee des Gens selbst in Frage. Der Blick richtet sich auf die Umgebung und die vielen Wechselwirkungen bei der Genexpression. In der Laienwelt glimmt hingegen noch der Glaube, den genetischen Code wie eine Schicksalsschrift in der Hand zu halten. Vor zehn Jahren verkündete Craig Venter, jeder könne mit dem entzifferten Genom sein Leben selbst in die Hand nehmen. Heute ist der Einblick in die Gene so billig und schnell zu haben wie nie zuvor. Was liest man dort?

          Jedem sein Narrativ

          Die Berliner Akademie der Wissenschaften hat sich in diesem Jahr dem Thema Kunst und Wissenschaft verschrieben. In der Wissenschaft wird das Lebendige in Begriffe gefasst, die keine Geschichte mehr haben. Wie gelingt es, diese Begriffe wieder in Biographien zu verschränken? Am Berliner Theater "Hebbel am Ufer" versucht man es im Zusammenspiel mit der Laiengruppe "Black Tie" als Dokumentarspiel, nach dem dramatischen Konzept von "Rimini Protokoll". Das Wissenschaftsdrama ist eine schwierige und eher schwach besetzte Gattung. Ihr Problem liegt darin, dass sie zwar an den Wissenschaftler als Typus und die Wissenschaft als Handlungssystem inmitten ihrer politischen Umstände herankommt, aber nicht an die Erkenntnisform selbst.

          Im Hebbel-Theater steht die Südkoreanerin Miriam Yung Min Stein, Mitte Dreißig, Adoptivkind, auf dem Boden ihrer genetischen Identität. Ihre Genkarte hebt sich wie ein Kontinent leicht vom Bühnenboden ab, über Text und Tabellen sind rote Symbole für Chromosomen wie Bilderrätsel verstreut. Einige Dinge, die sie von sich weiß: Man fand sie vor dem Rathaus von Seoul in einem Schuhkarton liegend, in Zeitungen gewickelt. Der Erscheinungstag ließ auf ihr Geburtsjahr schließen: 1977. Fünf Monate später wurde sie von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Aus Yung Min Park wird Miriam Yung Min Stein.

          Die junge Frau, heute Musikjournalistin, lässt biographische Dokumente auf einer Leinwand passieren. Sie sucht ihren Ort in Bildcollagen aus dem Familienleben und in der Zeitgeschichte und berechnet die Summe, die sie ihre Adoptiveltern kostete, 100 000 Euro. Sie wird sie nicht zurückzahlen können. Ihre Verachtung für den Adoptionsphilanthropismus, den umgestülpten Egoismus, die Gier nach guten Gefühlen ist deutlich.

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