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Wirtschaftswachstum : Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus

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Nicht zuletzt bedingt durch überkommene ethische Normen gestehen sich nur wenige ein, dass der Wohlstand, den sie genießen, allenfalls teilweise auf eigener Tüchtigkeit, im Übrigen aber auf der fortdauernden Überforderung von Lebensgrundlagen und Mitmenschen gründet. Deshalb rotiert namentlich in früh industrialisierten Ländern unablässig eine Erklärungs- und Rechtfertigungsmaschinerie, die buchstäblich so alt ist wie Adam und Eva. Jahrtausendelang war es der Teufel, der den Menschen zur Sünde verführt hat. Der Mensch als solcher war gut. Jetzt ist es ein System, der Kapitalismus, das den Menschen zu fehlsamem Verhalten verleitet. Ohne dieses System wäre der Mensch ein anderer. Also nieder mit dem System.

Ein freier Wille für den Wandel

Wenn es doch so einfach wäre! Seit vielen Generationen bemüht sich vornehmlich die politische Linke, den Kapitalismus zu reformieren oder besser noch durch eine andere, humanere Ordnung zu ersetzen. Das Ergebnis dieses Mühens ist auf globaler Ebene ein totaler Fehlschlag. Wer kann, bereichert sich schamloser denn je. Das wohlhabendste Fünftel der Menschheit beansprucht mittlerweile 83 Prozent der Weltgütermenge. Für das wirtschaftlich schwächste Fünftel bleibt gerade einmal gut ein Prozent. Und was auf globaler Ebene gilt, setzt sich im binnengesellschaftlichen Bereich fort. Alles nur Fehlfunktionen eines Systems oder - in der Sprache der Technik - auch menschliches Versagen? Denn schließlich sind es Menschen, die Systeme so oder anders aufladen.

Es sei wiederholt: Beim derzeitigen Wissens- und Könnensstand bedeutet jedes Wachstumsprozent, jede Lohnrunde, jede weitere soziale Wohltat oder jede zusätzliche öffentliche Leistung zwar nicht zwangsläufig, aber nach allen bisherigen Erfahrungen in der Regel eine Erhöhung des zerstörerischen Drucks auf die Lebensgrundlagen und damit eine Beschleunigung ihres Zusammenbruchs. Es kann ja sein, dass die Menschheit irgendwann so wissend und könnend sein wird, dass sie ihren materiellen Lebensstandard auch ohne Zerstörung und Ausbeutung von Natur und Mensch zu heben vermag. Aber noch ist sie hiervon weit entfernt. Bisher hat sie für die Mehrung ihres materiellen Wohlstands allenfalls kleine Abschlagszahlungen geleistet.

Die Menschheit, mit den früh industrialisierten Ländern an ihrer Spitze, befindet sich damit in einem existentiellen Dilemma. Frönt sie weiterhin ihren räuberischen Neigungen und fährt fort, ihre Lebensgrundlagen zu überfordern, wird sie scheitern. Das muss sie aber nicht. Denn auch wenn die Gelehrten darüber streiten, ob der Mensch einen freien Willen hat, ist er doch nicht Sklave der von ihm selbst geschaffenen Ordnungen. Insoweit gilt für den Kapitalismus Ähnliches wie für den Krieg: Stell dir vor, es ist Kapitalismus, aber keiner lebt seinen Maximen. Das wäre sein Ende. Ein wirklichkeitsferner Traum? Vielleicht. Aber wenn es nicht gelingt, die tief verinnerlichten „kapitalistischen“ Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster zu überwinden, können die Menschen noch so viel am System herumschrauben - sie werden keines ihrer Probleme lösen.

Meinhard Miegel Jahrgang 1939, ist Ökonom und Sozialforscher sowie Vorstand des wachstumskritischen Thinktanks „Denkwerk Zukunft“. Miegel plädiert für einen Abschied von der Wachstumsideologie zugunsten immateriellen Wohlstands. Er war Sachverständiger in der Enquetekommission des Deutschen Bundestages zum Themenfeld „Wachstum Wohlstand Lebensqualität“. Im März 2014 erschien sein Buch „Hybris. Die überforderte Gesellschaft“ im Propyläen-Verlag, Berlin.

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