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Wirtschaftswachstum : Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus

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Das wird schwerlich möglich sein. Wenn dennoch solche Postulate erhoben werden, sind sie diktiert von der Furcht, „die Menschen“ könnten auf Einschnitte in ihrer Lebensführung - weniger Autos, weniger Flugreisen, weniger Fleischkonsum und manches andere - abwehrend reagieren und die Politiker aller Couleur abstrafen. Da erscheint es politisch opportuner, entweder zu behaupten, alles könne und werde im Großen und Ganzen so bleiben, wie es ist, oder zu erklären, vieles werde sich zwar ändern, aber die Menschen erlitten dadurch keine Nachteile. Die Furcht vieler Politiker vor den Menschen scheint groß zu sein. Wie viel und welche Wahrheit vertragen sie? Und wie ist diese Wahrheit zu dosieren und zu verpacken? Nicht ohne Anlass treiben Fragen wie diese die Politiker seit langem um.

Ein Symbol des Kapitalismus: Eine riesige Kugel bewirbt das Produkt des Cola-Herstellers Pepsi in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela.

Damit ist der zweite Grund angesprochen, der Zweifel an einer Wende, an einem wirklichen Gesinnungswandel breiter Bevölkerungsschichten aufkommen lässt. Es ist wohlfeil, einen größeren sozialen Ausgleich, mehr Schutz für die Umwelt oder einen sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen zu fordern. Wird es jedoch ernst und erfährt der Lohnempfänger, dass er mit einem monatlich verfügbaren Haushaltseinkommen von knapp 2500 Euro zum wohlhabenden Teil der Bevölkerung gehört und folglich mehr zum „sozialen Ausgleich“ beizutragen habe, oder der Erholungssuchende, dass sein geplanter Mallorca-Urlaub die Umwelt erheblich belastet, schwindet bei den meisten die Veränderungsbereitschaft abrupt. So hatten sie sich das nicht vorgestellt.

Fakt ist, dass ein Land wie Deutschland trotz Urban Gardening, Carsharing und was der hoffnungsvollen Zeichen mehr sind, noch längst keinen Abschied genommen hat von einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die beinhart die Grundlagen ihres eigenen Erfolges zerstört. Trotz aller Weltläufigkeit und Internationalität hat es sich eingesponnen in einen dichten Kokon von Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit. Die Bevölkerung dieses Landes ist weithin blind für die Lebensbedingungen und Nöte der Völker um sie herum. Wie könnte sie sonst von Hungerlöhnen bei Mitbürgern sprechen, deren Kaufkraft dreißigmal so hoch ist wie die einer schwer arbeitenden kenianischen Teepflückerin oder einer Näherin in Bangladesch.

Nur der Räuber lebt angenehm

Die nüchterne und oft brutale Wahrheit ist: Beim derzeitigen Wissens- und Könnensstand ist der materielle Lebensstandard, den die Menschen in den früh industrialisierten Ländern pflegen - und zwar alle vom Millionär bis hin zum Grundsicherungsbezieher -, nur unter Bedingungen zerstörerischer Ausbeutung von materiellen Ressourcen, Umwelt und nicht zuletzt Menschen möglich. Die Bürger der früh industrialisierten Länder, die allesamt zum wohlhabendsten Fünftel der Weltbevölkerung zählen, erlitten vermutlich einen Schock, wenn sie ihren hehren Worten Taten folgen ließen und beispielsweise die afrikanische Teepflückerin und die asiatische Näherin menschenwürdig entlohnten oder für Rohstoffe Preise zahlten, bei denen auch Knappheits- und Umweltkosten berücksichtigt sind.

Die Folge wäre eine Preis- und Kostenexplosion, gegen die es kein Aufbegehren gäbe. Denn ein Ausgleich wegen gestiegener Lebenshaltungskosten, wie er heute regelmäßig von Gewerkschaften und sonstigen Interessenverbänden gefordert und oft auch durchgesetzt wird, hätte keinen Adressaten. Das ist nicht, edel aber ehrlich: Wie die Dinge liegen, lebt eigentlich nur der homo rapax, der räuberische Mensch, materiell angenehm. Zwar ist das nicht neu, hat sich aber im Laufe der Zeit institutionell verfestigt und betrifft nicht mehr nur Individuen, sondern ganze Völker. Diesem homo rapax ist die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung des Kapitalismus auf den Leib geschneidert. Sie ist das Biotop, in dem er aufblüht.

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