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Wirtschaftswachstum : Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus

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Eine neue Wirtschaftsordnung?

Dieser Befund hat schwerwiegende Folgen. Denn ein System zu ändern, an dessen Wesenskern unzählige Menschen hängen, ist wahrscheinlich noch schwieriger, als ein System zu erhalten, dass von vielen abgelehnt wird. Doch Änderungen sind unvermeidlich und dringend. Je länger, je mehr wird nämlich manifest, dass das Expansive des Kapitalismus sein fortwährendes Höher, Schneller und Weiter einen Punkt erreicht hat, an dem nicht mehr nur Wohlstand gemehrt und ein besseres Leben ermöglicht, sondern zugleich die Lebensgrundlagen beeinträchtigt werden. Die Bundeskanzlerin fordert deshalb, dass noch in diesem Jahrzehnt eine Art des Wirtschaftens gefunden werden muss, die nicht die Grundlagen ihres eigenen Erfolges zerstört.

Viel dramatischer geht es nicht: Wir leben in einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung, genannt Kapitalismus, die ihre Fundamente aktiv untergräbt! Doch fruchten solche Appelle offenkundig wenig. Von dem angepeilten Jahrzehnt ist mittlerweile fast die Hälfte vergangen, und der Zug fährt immer noch in die falsche Richtung. Die Menschheit beansprucht für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten heute anderthalb Globen, und 2030 werden es voraussichtlich zwei sein, wobei es die wohlhabendsten Länder besonders toll treiben. Wirtschaftete die Weltbevölkerung beispielsweise wie die US-Amerikaner, brauchte sie mehr als vier, wirtschaftete sie wie die Deutschen, wären es noch immer zweieinhalb Globen. Dass das kein dauerhaftes Wirtschafts-, geschweige denn Lebensmodell ist, liegt auf der Hand.

Das scheint auch die große Bevölkerungsmehrheit in Deutschland so zu sehen. 2012 wünschten sich nach einer Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung acht von zehn Bundesbürgern „eine neue Wirtschaftsordnung“. Zwei von drei Befragten glaubten nicht, dass der Kapitalismus für einen „sozialen Ausgleich in der Gesellschaft“, „den Schutz der Umwelt“ oder „einen sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen“ sorge. Auch misstrauten sie den Selbstheilungskräften des Marktes, die anstehenden Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft zu lösen. Verflogen scheint schließlich die Gewissheit, Wirtschaftswachstum erhöhe die eigene Lebensqualität. Zwei Drittel der Befragten verneinten dies.

Der geliebte Luxus

Ist das die Wende, oder könnten dies wenigstens ihre Vorboten sein? Zweierlei lässt hieran zweifeln: zum einen die Einlassung aller bedeutsameren politischen Kräfte. Keine der größeren Parteien atmet diesen vermeintlich neuen Geist. Zwar finden sich in allen Lagern Individuen und Gruppen, die es ernst meinen mit dem Wandel. Aber tonangebend sind sie nirgendwo. Union und FDP setzen unverändert auf die Entfesslung der Marktkräfte und auf technischen Fortschritt. Die Grünen haben sich mit der gleichen Zielsetzung einem Technikoptimismus verschrieben, „der schon fast Angst macht“ (Brand). Und bei SPD und Linken dominieren diejenigen, denen Verteilungsfragen dringlicher erscheinen als die Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Schleicht die Politik in ihrem ganzen breiten Spektrum um jenen vielgepriesenen und -gescholtenen Kapitalismus wie die sprichwörtliche Katze um den heißen Brei? Dafür spricht in der Tat viel. Die Rechte, was immer darunter zu verstehen ist, duckt sich weg in der Hoffnung, der Sturm des Wandels werde schon irgendwann vorübergehen. Ihre Botschaft: Nur Mut. Harrt aus. Alles wird gut. Überzeugende Gründe für diesen Optimismus bleibt sie allerdings schuldig. Die Linke hingegen flüchtet sich, wie so oft in ihrer Geschichte, auch diesmal wieder in Utopien. Obwohl sie tiefgreifende Veränderungen in Aussicht stellt, sollen diese in den Worten Brands „nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden“. Soll das heißen, „die Menschen“ könnten bei derartigen Umwälzungen ausgespart bleiben?

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