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Wirtschaftswachstum : Die unerwiderte Liebe der Menschen zum Kapitalismus

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Es geht nicht ohne

Das haben seine Kritiker häufig verkannt, und wenn sie es erkannt haben, haben sie es nicht einzuordnen vermocht. Selber in wuchtigen Gedanken- und Lehrgebäuden gefangen, fiel es ihnen schwer, das weithin Undogmatische, Spontane, intellektuell Unprätentiöse und in gewisser Weise Leichtfüßige, beinahe Flüchtige des Kapitalismus zu erfassen. In der Tradition des Marxismus versuchten sie den Kapitalismus wissenschaftlich zu durchdringen, Gesetzmäßigkeiten festzuklopfen und ihn auf diese Weise zu fixieren. Gebracht hat das wenig. Jedes Mal, wenn seine Kritiker glaubten, sein Räderwerk begriffen zu haben, hatte sich der Gegenstand ihres Interesses verändert.

Entmutigt hat sie das nicht. Wie eh und je analysieren, systematisieren und reformieren sie unverdrossen weiter, wohl in der vagen Hoffnung, auf diese Weise eines hoffentlich nicht zu fernen Tages in eine bessere Welt vordringen zu können. Die wichtigsten Kritikpunkte sind geläufig, und Ulrich Brand zählt sie in seinem bereits erwähnten Beitrag alle noch einmal auf: die verhängnisvollen Wachstumstreiber Profit und Konkurrenz, die nicht minder verhängnisvolle Dominanz des Tauschwertes über den Gebrauchswert, die rastlose Suche des Kapitals nach Verwertung oder die inhärente Tendenz zur Überakkumulation und Überproduktion. In seiner Aufzählung fehlt so gut wie nichts - mit Ausnahme des Entscheidenden.

Die ganze Kritik am Kapitalismus krankt daran, dass sie zwar eine Fülle seiner Mängel und Fehler zutreffend erkannt und beschrieben hat, aber nicht wahrhaben will - und um ihres Selbstverständnisses willen wohl auch nicht wahrhaben darf -, dass er sich in den Hirnen und Herzen von mittlerweile Milliarden von Menschen eingenistet hat und deren Denken, Handeln und Fühlen von Grund auf prägt. Diese Menschen mögen den Kapitalismus nicht lieben, möglicherweise verachten oder hassen sie ihn sogar. Aber sie können und wollen nicht von ihm lassen. Brand irrt, wenn er meint, die Menschen hierzulande würden in einer kapitalistischen Wachstumszange gehalten und Hunderte von Millionen würden in den kapitalistischen Arbeitsmarkt gezogen.

Kaffee trinkt fast jeder, angemessene Preise für ihn zahlen will niemand.

Wenn das so zwanghaft wäre wie von ihm unterstellt, hätte er leichtes Spiel. Das aber hat er nicht. Die meisten drängen nämlich nicht aus dem Pferch, in dem er sie wähnt, und viele drängen sogar hinein. Denn sie sehen, dass es sich mit ein wenig Geschick und Glück dort ganz behaglich leben lässt. Wenn die Menschen wollten, könnten sie sich den Zumutungen des Kapitalismus durchaus entziehen. Aber die Mehrheit will nicht. Sie vertraut, wenn auch zunehmend zweifelnd, der Verheißung, dass alles immer noch besser werde. Und wer ist nicht gerne dabei bei jährlichen Lohn- und Rentensteigerungen, mehr Geld für Gesundheit und Bildung, leistungsfähigeren Infrastrukturen oder größeren staatlichen Leistungen!

Das unterscheidet den Kapitalismus namentlich in den früh industrialisierten Ländern von allen bisher angebotenen Optionen: Die meisten Menschen machen willig und mitunter geradezu lustvoll mit. Hätten die Bürger beispielsweise im real existierenden Sozialismus ebenso bereitwillig mitgemacht, gäbe es ihn zweifellos noch heute. Stattdessen haben sie der Welt höchst eindrucksvoll vor Augen geführt, dass jedes System zu seinem Ende kommt, wenn es nicht mehr von breiten Bevölkerungsschichten getragen wird. Eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung ist ohne das Zutun vieler ein Nichts, eine bloße Chimäre. Diese Binsenweisheit gilt es wieder bewusst zu machen. Solange sie nämlich nicht beherzigt wird, sind alle Systemdebatten Scheingefechte.

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