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Spardiktat für Museum : Gutachter-GAU

Sparirrsinn: Wirtschaftsprüfer von KPMG haben Leverkusen dazu geraten, „sämtliche Aktivitäten“ des Museums Morsbroich einzustellen. Bild: dpa

Den Wert eines Museums kann man nicht in Euro zählen. Das interessiert Wirtschaftsprüfer allerdings wenig. Um zu Sparen, schlagen sie der verschuldeten Stadt Leverkusen die Schließung des Museums Morsbroich vor.

          Wann immer Unternehmensberater angerufen werden, die Wirtschaftlichkeit einer öffentlichen Kultureinrichtung zu untersuchen, schlagen die Ergebnisse in die gleiche Kerbe: Die Gutachter stellen, nachdem sie jeden einzelnen Etatposten geprüft und Ausgaben und Einnahmen bilanziert haben, ein Defizit fest und geben Einsparungen vor, die mehr oder weniger harte Einschnitte im künstlerischen Angebot bedeuten.

          So ist das jetzt auch in Leverkusen, wo die „Gemeindeprüfungsanstalt NRW“ der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG den Auftrag erteilt hatte, „Vorschläge zur Optimierung der eigenbetriebsähnlichen Einrichtung KulturStadtLev zu erarbeiten“. Nur, dass diese hier gleich auf die „übergreifende Handlungsempfehlung“ hinauslaufen, „sämtliche Aktivitäten des Museums einzustellen und die Sammlung in ihrer bestehenden Form aufzulösen“, weil damit – voraussichtlich von 2019 an – ein jährlicher Betrag von 778.450 Euro eingespart werden könne. Die Erkenntnis, dass eine Gemäldegalerie am wenigsten, nämlich gar nichts kostet, wenn es sie nicht (mehr) gibt, ist als Ausweis von ökonomischer Kompetenz genauso plausibel wie banal.

          Sollte nach dem Krieg ein Krankenhaus werden, 1951 fiel die Entscheidung: Das Museum Morsbroich war geboren. Jetzt steht die Schließung bevor.

          Und sie verrät zugleich einen derart grundlegenden Mangel an kulturpolitischen Sachverstand, dass sie sich selbst disqualifiziert. Wer ein öffentliches Museum, wie es hier geschieht, auf die Betriebskosten reduziert, unterschlägt seinen kulturellen und damit seinen eigentlichen, nicht in Euro bezifferbaren Wert. Der ist auch im Falle des Museums Morsbroich beträchtlich, ist es doch nach dem Krieg – als die Stadt den verfallenen Adelssitz zunächst für ein Krankenhaus herrichten wollte, ehe sie sich 1951 für ein Museum entschied – aus dem Nichts entstanden: Ohne den Grundstock eines privaten oder öffentlichen Kunstbesitzes wurde eine exquisite zeitgenössische Sammlung aufgebaut, die vor allem die Direktoren Udo Kultermann (1959 bis 1965) und Rolf Wedewer (1965 bis 1995) mit so viel Kennerschaft und Kontinuität zusammentrugen, dass sie sich – mit herausragenden Positionen der Avantgarde – zwischen Köln und Düsseldorf behaupten und auf sich aufmerksam machen konnte.

          In der jungen, erst im Jahr 1930 arrondierten Industriestadt Leverkusen ist das Museum, dessen spätbarockes Wasserschloss von 1981 bis 1985 von Oswalt Mathias Ungers instandgesetzt wurde, bis heute – Oper, Theater, Tanz und Konzert werden als Gastspiele eingekauft – das wichtigste hier verankerte Kunstinstitut, Sammlung der Bürger und kulturelles Aushängeschild. Die Kommune kann mithin gar nicht von so vielen guten Geistern verlassen sein, diesen ausgemachten Unsinn, der sich als Gutachten ausgibt, auch nur halbwegs ernst zu nehmen.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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