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: Zur wirtschaftlichen Vernunft

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"Ohne Vertrauen kann die Wirtschaft nicht gesunden. Das liest und hört man alle Tage, und es klingt sehr plausibel. Man ermahnt denn auch die Völker täglich aufs neue, endlich wieder Vertrauen zu gewinnen. Aber alle Ermahnungen, Aufrufe und Zureden können es nicht erreichen, daß das Vertrauen zurückkehrt." Dieser ...

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          "Ohne Vertrauen kann die Wirtschaft nicht gesunden. Das liest und hört man alle Tage, und es klingt sehr plausibel. Man ermahnt denn auch die Völker täglich aufs neue, endlich wieder Vertrauen zu gewinnen. Aber alle Ermahnungen, Aufrufe und Zureden können es nicht erreichen, daß das Vertrauen zurückkehrt." Dieser Befund ist zwar aktuell, aber das Zitat entstammt keiner zeitgenössischen Feder - sondern es kommt von dem österreichischen Ökonomen Fritz Machlup, niedergeschrieben in einer seiner vielen Glossen für das Neue Wiener Tagblatt in den frühen dreißiger Jahren. Es mündet in die Mahnung, die Eingriffe des Staates in die Wirtschaft möglichst gering zu halten.

          In verdienstvoller Recherchearbeit hat der Wiener Ökonom Hansjörg Klausinger 113 Glossen von Machlup unter der Rubrik "Zwei Minuten Volkswirtschaft" ausfindig gemacht, neu abgedruckt und kommentiert sowie darüber hinaus knapp 80 längere wirtschaftspolitische Kommentare und Berichte von Oskar Morgenstern, Gottfried Haberler, Friedrich August von Hayek, Richard Strigl, Erich Schiff, Martha Stephanie Braun und Machlup selbst. Die Autoren zählen zur vierten Generation der Österreichischen Schule, die hauptsächlich von Ludwig von Mises beeinflußt waren. Wie Klausinger in seiner Einleitung schreibt, zählt zu ihren Neuerungen vor allem die Erweiterung des zuvor realwirtschaftlichen Ansatzes um die nichtneutrale Rolle des Geldes in der Wirtschaft, die "apriorische" Begründung der Ökonomie als Sozialwissenschaft, die keiner Empirie bedürfe, sowie die Ableitung der grundsätzlichen Überlegenheit einer liberalen Ordnung. Um 1930 war diese Gruppe - deren Tradition heute vor allem in den Vereinigten Staaten von den "Austrians" weitergeführt wird - auf dem Gipfel ihrer Anerkennung. Im Österreichischen Institut für Konjunkturforschung, das 1927 auf Initiative Mises' gegründet wurde und dessen erster Leiter Hayek war, hatte die Strömung der "Austroliberalen" zudem eine solide Verankerung.

          Auf dieser Basis lancierte der Unternehmer und Wissenschaftler Machlup gemeinsam mit Morgenstern, Hayeks Nachfolger am Institut, eine regelrechte journalistische Kampagne, mit der vor allem drei Ziele verfolgt wurden: die Rückkehr zu restriktiver Geldpolitik und ausgeglichenem Budget; die Aufhebung der Devisenbewirtschaftung und aller Handelsbeschränkungen; die Einführung der Goldparität. Nach Klausingers Urteil war die Kampagne sogar von Erfolg gekrönt - was er allerdings sehr kritisch sieht. Gerade die Kombination von "nachfrageseitiger Restriktion und angebotsseitiger Förderung von starren Preisen" habe in der prekären Zwischenkriegszeit in "eine nachhaltige wirtschaftliche Katastrophe" geführt. Indes verweist er selbst darauf, daß dies auch daran lag, daß die Politik nur den ihr genehmen Teil der liberalen Empfehlungen aufgriff.

          Die prägnanten und teilweise geradezu witzigen Stücke sind ein Lesegenuß - und ein Lehrstück dafür, wie volkswirtschaftliches Grundwissen in einfachen Worten vermittelt werden kann. Und selbst wenn die Theorie inzwischen Fortschritte gemacht hat - viele Probleme sind heute ähnlich, und die meisten grundsätzlichen Argumente der liberalen Ökonomen sind unvermindert gültig.

          KAREN HORN.

          Hansjörg Klausinger (Herausgeber): Machlup, Morgenstern, Haberler, Hayek und andere. Wirtschaftspublizistische Beiträge in kritischer Zeit (1931-1934). Metropolis-Verlag, Marburg 2005, 387 Seiten, 29,80 Euro.

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