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: Wiener Schule

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Carsten Pallas: Ludwig von Mises als Pionier der modernen Geld- und Konjunkturtheorie. Eine Studie zu den monetären Grundlagen der Austrian Economics. Metropolis Verlag, Marburg 2005, 348 Seiten, 36,80 Euro.Auf das wissenschaftliche Werk von Ludwig von Mises (1881 bis 1973) aufmerksam zu machen ist schon ein Verdienst an sich.

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          Carsten Pallas: Ludwig von Mises als Pionier der modernen Geld- und Konjunkturtheorie. Eine Studie zu den monetären Grundlagen der Austrian Economics. Metropolis Verlag, Marburg 2005, 348 Seiten, 36,80 Euro.

          Auf das wissenschaftliche Werk von Ludwig von Mises (1881 bis 1973) aufmerksam zu machen ist schon ein Verdienst an sich. Es ist überraschend, daß das Misessche Buch "Gemeinwirtschaft", das vor allem nach dem Erscheinen der zweiten Auflage im Jahr 1932 zu einer Debatte über die "Unmöglichkeit der Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen" führte, nach dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989 kaum berücksichtigt wurde. Schließlich ging bereits damals von Mises als Sieger aus der Debatte mit den Vertretern des Konkurrenzsozialismus Oskar Lange und Abba Lerner hervor. Oskar Lange mußte schließlich Mises zustimmen - und schlug resignierend vor, daß die Statue von Professor Mises als ständiges Mahnmal der Notwendigkeit korrekter Kalkulation einen prominenten Platz in der Ehrenhalle der zentralen Planungsbehörde des sozialistischen Staates haben sollte.

          Die überraschend geringe Beachtung, die von Mises zuteil wurde, ist auch durch seinen Lebenslauf bedingt. Mises galt zeit seines Lebens als Außenseiter der akademischen Welt, der lange ohne dauerhafte Anstellung blieb und erst spät eine gewisse Anerkennung erfuhr. Auch die Methode der "Wiener Schule der Nationalökonomie", die Mises radikal vertrat, der methodologische Individualismus und Subjektivismus und damit die Ablehnung der makroökonomischen und mathematischen Methode, lag nicht im Trend der Zeit. Seine Vorgehensweise führte von Mises so auch zur Ablehnung von Preisindices, weil Preisentwicklungen nur subjektiv von Einzelindividuen empfunden werden könnten. Die extremen Positionen, die von Mises in vielen Fragen vertrat, zeugen von einer Radikalität seines Denkens, die der Rezeption des Werkes sicher oft im Wege stand. Gleiches gilt für seine Geld- und Konjunkturtheorie, die Carsten Pallas bearbeitet.

          Es erscheint ironisch, daß Joseph Alois Schumpeter (1883 bis 1950), der mit Mises als Teilnehmer im Seminar von Eugen von Böhm-Bawerk (1851 bis 1914) zur dritten Generation der Wiener Schule zählt, sich mit gleicher Methode und gleichen Themen befaßte und - obwohl er den Untergang des Kapitalismus prognostizierte - wesentlich mehr Beachtung bekam. Eingang in die ökonomische Theorie fand die Misessche Lehre mittelbar jedoch durch den Nobelpreisträger von 1974, Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992), der sich immer als Schüler seines Mentors Mises betrachtete. Hayeks Werk weist, wie auch Pallas herausarbeitet, deutliche Ähnlichkeiten mit dem seines Lehrers auf.

          Zunächst gibt der Verfasser einen einleitenden Überblick auf das Leben und Werk und geht danach auf die Methode der "Wiener Schule der Nationalökonomie" ein. Nach einer Besprechung des Standes der Geldlehre zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erörtert Pallas vor allem das Hauptwerk von Mises zum Thema, die "Theorie des Geldes und der Umlaufmittel". Sorgfältig arbeitet er dabei die Kritik der Quantitätstheorie und die Position einer Nichtneutralität des Geldes lange vor John Maynard Keynes heraus. Die Änderung der relativen Preise und die damit verbundenen Verteilungsänderungen durch Geldmengenänderungen bilden den Kern der monetären Konjunkturtheorie, die Pallas kurz skizziert.

          Radikal ist Mises' Vorschlag, einen Goldstandard vollständiger Golddeckung einzuführen. Das grundsätzliche Mißtrauen gegen staatlichen Einfluß, insbesondere auch auf die Geldmenge, stellt den entscheidenden Grund für das Votum für diese "reine Goldwährung" dar. Inwieweit sich der von Mises selbst beanspruchte Einfluß auf die Geldpolitik in Österreich zwischen 1918 und 1934 belegen läßt, bleibt offen, auch wenn Pallas hier eine umfassende Quellenauswertung bietet.

          Die Misessche Geldlehre in seinem übrigen Werk wird ebenfalls sorgfältig dargestellt und analysiert, wobei Pallas die Kontinuität im Denken des österreichischen Gelehrten verdeutlicht. Obwohl sich Mises vergleichsweise spät mit dem Werk von John Maynard Keynes auseinandergesetzt hat, geht Pallas zur Illustration der Entwicklung geldtheoretischer Vorstellungen sinnvollerweise auf den "Keynes-Schock" ein. Erfreulich ist, daß er die Vorstellungen zur Geldverfassung auch mit der Misesschen Sozialphilosophie in Zusammenhang bringt. Mises bezeichnet seinen eigenen Ansatz als "libertär" ("libertarian"), weil der Begriff liberal damals in den Vereinigten Staaten einen sozialdemokratischen Beigeschmack bekam.

          Zum Abschluß gibt der Autor einen Ausblick auf "Mises und die Geldlehre am Anfang des 21. Jahrhunderts". Hier wird zum einen erörtert, inwieweit in aktuellen institutionellen Regelungen und geldpolitischen Maßnahmen die Misesschen Vorstellungen zu erkennen sind. Zum anderen referiert Pallas die Misesschen Überlegungen zu Inflationskosten und Inflationsmessung. Ein Anhang mit Gliederungen zweier Auflagen des Hauptwerks "Theorie des Geldes und der Umlaufmittel", ein Schema der verschiedenen Geldarten nach Mises und eine chronologische Bibliographie runden das Werk ab.

          Die Arbeit von Carsten Pallas ist ohne Einschränkung als Standardwerk zum Thema einzustufen. Die ungeheure Anzahl der Literaturverweise bis in die aktuelle Diskussion hinein und die Vielzahl eingefügter Zitate zeugen von großer Sorgfalt, wenngleich der Lesefluß darunter leidet. Daß die Lektüre an den Leser besondere Ansprüche stellt, ist allerdings hauptsächlich dem Gegenstand selbst zuzuschreiben. Über die eigentliche Themenstellung hinaus eröffnet dieser Text auch den Zugang zu Denkweisen und Ordnungsvorstellungen der durch Mises in den Vereinigten Staaten begründeten "Austrian Economics", deren Vertreter auch heute getreu ihrem Meister einen oft gegenüber dem ökonomischen Mainstream erfrischend kontroversen Beitrag leisten.

          GEROLD BLÜMLE

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