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: Wettbewerb und Wirtschaftsordnung

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Oliver Budzinski/Jörg Jasper (Herausgeber): Wettbewerb, Wirtschaftsordnung und Umwelt. Festschrift für Udo Müller. Verlag Peter Lang, Frankfurt 2005, 372 Seiten, 54,80 Euro.Dreißig Jahre hat Udo Müller das Fach Wirtschaftspolitik an der Universität Hannover vertreten. Aus Anlaß seiner Emeritierung ...

          Oliver Budzinski/Jörg Jasper (Herausgeber): Wettbewerb, Wirtschaftsordnung und Umwelt. Festschrift für Udo Müller. Verlag Peter Lang, Frankfurt 2005, 372 Seiten, 54,80 Euro.

          Dreißig Jahre hat Udo Müller das Fach Wirtschaftspolitik an der Universität Hannover vertreten. Aus Anlaß seiner Emeritierung vor einem Jahr haben Oliver Budzinski und Jörg Jasper eine opulente Festschrift herausgegeben. Darin finden sich neben Ausführungen zur Wettbewerbstheorie und -politik sowie Texten zur deutschen und europäischen Wirtschaftsordnung auch Beiträge zu Umweltökonomik und Systemmanagement.

          Im ersten Beitrag geht Markus Pasche (Jena) der grundsätzlichen Frage nach, ob für Wettbewerb rationales Verhalten sorgt. Der amerikanische Wissenschaftler Armen Alchian hatte 1950 postuliert, daß sich in einer wettbewerblichen Umwelt nur solche Verhaltensweisen durchsetzen, die zumindest im Ergebnis einer bewußten Optimierung gleichkommen. Dieses Postulat, das der - herkömmlichen - neoklassischen Ökonomik jahrzehntelang als Begründung für die Beibehaltung des strengen Rationalitätsmodells diente, geriet zwischenzeitlich sowohl durch empirische Erkenntnisse insbesondere aus dem Bereich der "Behavioral Economics" als auch durch (spiel)theoretische Analysen zunehmend in die Kritik.

          Aus spieltheoretischer Sicht stellt Pasche der herkömmlichen Maximierungsannahme alternative Verhaltensregeln gegenüber und analysiert für ausgewählte Beispielsituationen, ob und inwieweit diese ebenfalls zu gleichgewichtigen Lösungen führen. Das für den neoklassischen "Mainstream" provozierende Ergebnis ist, daß sich das vollkommen rationale Verhalten entgegen dem Alchian-Postulat durchaus nicht unbedingt als überlegen herausstellt, sondern daß sich auch reine Imitationsstrategien, Fairness-Normen oder die Reziprozitätsregel als dauerhaft stabile Lösungen erweisen. Überdies läßt sich nachweisen, daß auch verschiedene Verhaltensmuster nebeneinander bestehen können.

          Im Themenbereich "Wirtschaftsordnung" untersucht Jörg Jasper (Hannover) die Rolle von Europäischem Gerichtshof (EuGH) und Europäischer Kommission als ordnungsbildenden Faktoren für die nationalen Gesundheitssysteme in der EU. Trotz der scheinbar geringen formalen EU-Kompetenzen in diesem Bereich zeige sich, daß die supranationalen Akteure wichtige Reformimpulse für die nationalen Gesundheitssysteme geben konnten. Anknüpfungspunkte hierfür boten die Grundfreiheiten des EG-Vertrags. So argumentierte insbesondere der EuGH, daß auch das Gesundheitswesen zum Binnenmarkt gehöre: Trotz weitgehender Spielräume für die Mitgliedstaaten seien diese verpflichtet, bei der Ausgestaltung ihrer nationalen Systeme das EU-Recht zu beachten. Stichworte hierfür sind die Niederlassungsfreiheit von Ärzten sowie die grenzüberschreitende Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen oder der Handel mit Arzneimitteln. Nach Jasper sind aus ökonomischer Sicht die Ansätze zu einem Systemwettbewerb auch im Gesundheitswesen gutzuheißen. Bedenken rufe allerdings die drohende Aushöhlung der Eigentumsrechte von Arzneimittelherstellern durch die unverhältnismäßige Erleichterung von Parallelimporten hervor.

          Die Festschrift enthält noch andere lesenswerte Beiträge. Praxisnahe Themen wechseln dabei mit grundsätzlichen theoretischen Überlegungen ab. Dazu zählen die Ausführungen Ulrich Fehls (Marburg), der, ausgehend von einem dynamisch-evolutorischen Wettbewerbsverständnis, den Zusammenhang von Marktprozessen, technischem Fortschritt, Kapitalstruktur und makroökonomischen Schwankungen beleuchtet. Als typisch für das gesamte Buch kann dabei die kritische Auseinandersetzung mit dem neoklassischen Mainstream gelten. Anstelle von Aggregatbetrachtungen und repräsentativen Akteuren werden die Unterschiedlichkeit der Individuen und ihrer Erwartungen sowie das Verständnis von Wettbewerb als ein Prozeß von Versuch und Irrtum in den Vordergrund gestellt. Ein simples Optimierungsverhalten im Sinne einer vollkommenen Rationalität ist damit unvereinbar.

          Einem praxisbezogenen Thema widmet sich dagegen Utz Claassen, der Vorstandsvorsitzende der EnBW AG, mit dem Wissenstransfer aus der Hochschule in die Wirtschaft. Er identifiziert verschiedene Transfermechanismen von der Infrastrukturbereitstellung bis hin zur Kapitalausstattung für innovative Unternehmensgründungen aus der Universität heraus. Als entscheidend stellt er aber die individuelle Bereitschaft heraus, ein Wagnis einzugehen. Damit schließt sich der Kreis zum Unternehmertum in der dynamischen Wettbewerbstheorie, das in einigen der theoretischen Beiträge angesprochen wurde.

          Der Band enthält 15 weitere Beiträge, die allesamt eine Fülle interessanter Einsichten zu den Themen Wettbewerb, Wirtschaftsordnung und Umwelt vermitteln. Er ist allen zu empfehlen, die offen sind für theoretische wie praxisbezogene Denkanstöße.

          ARNDT CHRISTIANSEN

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