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: Wertekonflikte im Geschäftsalltag

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Andrew Crane/Dirk Matten: Business Ethics: A European Perspective. Oxford University Press, Oxford 2005, 484 Seiten, 45,90 Euro.Wer sich für ethische Probleme in Unternehmen interessiert, der greife zu diesem Buch. Dafür sprechen fünf gute Gründe. Erstens handelt es sich bei dem am International ...

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          Andrew Crane/Dirk Matten: Business Ethics: A European Perspective. Oxford University Press, Oxford 2005, 484 Seiten, 45,90 Euro.

          Wer sich für ethische Probleme in Unternehmen interessiert, der greife zu diesem Buch. Dafür sprechen fünf gute Gründe. Erstens handelt es sich bei dem am International Center for Corporate Social Responsibility an der Nottingham University Business School entstandenen Werk um eine aus europäischer Sicht geschriebene Publikation. Die Verfasser, Andrew Crane aus Nottingham und Dirk Matten aus Düsseldorf, schließen damit die Lücke zwischen den in den Vereinigten Staaten entstandenen Business Ethics und der im deutschsprachigen Raum thematisierten Unternehmensethik. Das auch äußerlich ansprechende, sehr gut redigierte Buch verwirklicht damit ein zentrales Anliegen des vor Jahren gegründeten European Business Ethics Network. Die spezifisch europäische Perspektive zeigt sich unter anderem in der Auswahl der Fallbeispiele (von BMW über Ericsson, Nestlé und Shell bis Elf Aquitaine, Volkswagen und Unilever) und in der Berücksichtigung der unterschiedlichen kulturellen Bedingungen in den einzelnen Ländern. Die Autoren vertreten jedoch die Auffassung, daß die Globalisierung diese Divergenzen zunehmend aufzehre.

          In dem Buch wird zweitens durchgängig das ethische Dilemma thematisiert, das viele Entscheidungen im Unternehmen prägt. Die Verfasser setzen sich zunächst sorgfältig mit dem Vorwurf auseinander, Unternehmensethik sei ein Oxymoron, das heißt eine Verknüpfung von zwei einander widersprechenden Begriffen. Bereits zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts soll der Schriftsteller und Sprachkritiker Karl Kraus einem ratsuchenden Studenten empfohlen haben: "Sie wollen Wirtschaftsethik studieren? Dann studieren Sie entweder das eine oder das andere!" Wer so argumentiert, der unterstellt, daß im Wirtschaftsleben entweder keine Ethik existiert oder daß es sie nicht geben könne, daß unternehmerisches Handeln bestenfalls also im ethikfreien Raum erfolge.

          Die Autoren halten dem entgegen, daß man zwar unterschiedlicher Meinung über die genaue Abgrenzung eines "ethischen" Verhaltens sein möge, aber dennoch der folgenden Definition zustimmen könne: "Unternehmensethik umfaßt die Untersuchung geschäftlicher Situationen, Aktivitäten und Entscheidungen, bei denen Aspekte von moralisch richtig oder falsch angesprochen werden." Ein ethisches Dilemma kennzeichnet jede Situation, in der ein Wertekonflikt vorliegt. Worum es dabei konkret geht, wird in jedem Kapitel anschaulich anhand eines Beispiels beschrieben.

          Drittens demonstrieren die Verfasser, wie eine sinnvolle Verküpfung verschiedener theoretischer Konzepte mit der Praxis der Unternehmensethik gelingen kann. Am Beispiel der Kinderarbeit in Entwicklungsländern zeigen sie die Schwäche des Ansatzes eines aufgeklärten Egoismus, der die langfristigen Interessen der Kinderarbeiter an einer schulischen Ausbildung und beruflichen Entwicklung im Prinzip unberücksichtigt läßt. Orientiert man sich an der Pflichtenethik Immanuel Kants, wird sicher kein ernstzunehmender Geschäftsmann fordern, Kinderarbeit zu einem universalen Gebot zu machen, dessen Nichtbefolgen als unmoralisch gelten müßte. Nach der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls vereitelt Kinderarbeit das Recht jedes Kindes auf eine Ausbildung und verletzt das Chancengleichheitsprinzip. Eine feministisch geprägte "Ethik der Fürsorge" indes, die sich für Werte wie Gemeinschaft und Integration einsetzt, würde ironischerweise Kinderarbeit nicht kategorisch ablehnen, solange die Familie zusammenhält und die Kinder nicht über die physischen Grenzen hinaus belastet werden. Die Verfasser selbst argumentieren aus einer Position des ethischen Pragmatismus heraus. Sie leugnen nicht die Bedeutung der Rationalität für die Diskussion von Moralfragen, beziehen aber auch kulturelle, psychologische, kognitive und situationsspezifische Aspekte in die Untersuchung moralischer Entscheidungen im Unternehmen ein. Das ethische Dilemma der Kinderarbeit läßt sich aus dieser Haltung heraus nicht durch Anwendung eines bestimmten Prinzips oder einfacher Regeln lösen. Die Entscheidungsträger sind vielmehr aufgefordert, ihr Wissen und ihre Urteilskraft durch Erfahrung und Teilnahme ständig zu vertiefen und sich selbst kritisch in Frage zu stellen.

          Viertens stellen die Autoren neben der Globalisierung bestimmte Eckpunkte der Ethik heraus, bei denen sie sich an ihren früheren Forschungsinteressen orientieren. Im Fall von Dirk Matten ist dies das Nachhaltigkeitsdenken im Umweltschutzbereich, bei Andrew Crane die Beziehung des Unternehmens zu den Interessenträgern im Sinne eines bürgerschaftlichen Engagements ("Corporate citizen"). So intensiv auch die ethischen Implikationen eines verantwortungsvollen Umgangs mit Mitarbeitern, Konsumenten, Lieferanten und Wettbewerbern betrachtet werden, so notwendig erscheint den beiden Ethikforschern darüber hinaus die Einbindung der Unternehmensethik in die Gesellschaft, in Staat und Regierung.

          Schließlich ist dem Verfasserteam zu bestätigen, daß durchgehend behutsam argumentiert und souverän mit der Fülle an Stoff umgegangen wird. Das Buch, zweifellos ein Standardwerk, setzt neue Maßstäbe - nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich der Aufmachung. Jedes Kapitel enthält kritische Nachfragen zur Anwendung von Theorieerkenntnissen auf aktuelle Ethikmaßnahmen und darüber hinaus gut recherchierte Fallstudien. Eine wertvolle Lesehilfe bietet das ausführliche, um Länder und Organisationen ergänzte Stichwortverzeichnis.

          HARTMUT KREIKEBAUM

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