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: Weltwirtschaft in der Krise

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Joseph Stiglitz lehrt an der Columbia University in New York. Er bezeichnet sich selbst als Keynesianer und lehnt weite Teile der Neoklassik ab, vor allem die Chicago-Schule. Viele Ökonomen hält er für fundamentalistische Ideologen, die nicht aus Erfahrung lernen wollen. Deshalb macht er nicht nur ...

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          Joseph Stiglitz lehrt an der Columbia University in New York. Er bezeichnet sich selbst als Keynesianer und lehnt weite Teile der Neoklassik ab, vor allem die Chicago-Schule. Viele Ökonomen hält er für fundamentalistische Ideologen, die nicht aus Erfahrung lernen wollen. Deshalb macht er nicht nur die Akteure auf den Finanzmärkten, sondern auch die Ökonomen als Zunft für die Krise verantwortlich. Sie haben den Märkten zu viel Effizienz zugeschrieben und dem Staat zu wenig zugetraut und damit die Deregulierung geistig vorbereitet.

          Zwar kann man Stiglitz nicht vorwerfen, nur Marktversagen und kein Staatsversagen zu sehen, denn Deregulierung war ja lange staatliche Politik in den Vereinigten Staaten. Aber nichts wird in dem Buch so oft beklagt wie Deregulierung und die politische Akzeptanz von Ungleichheit.

          Das Buch besteht aus zehn Kapiteln, wovon sich die ersten vier mit der Entstehung der Krise, das zweite bis fünfte mit der Reaktion von Regierung und Zentralbank auf die Krise beschäftigen. Im sechsten bis achten Kapitel werden grundsätzliche Fragen der Wirtschaftsordnung, im neunten wird die Ökonomik als Wissenschaft diskutiert. Im letzten Kapitel deutet Stiglitz an, was für eine Gesellschaft er sich wünscht.

          Bei Stiglitz und in fast allen Erklärungen der Krise spielen niedrige Zinsen, eine asymmetrische Geldpolitik ("Greenspan put"), lasche Regulierungen, Immobilien und Verbriefungen eine wichtige Rolle. Bei der Diskussion der Verbriefungen wird Stiglitz grundsätzlicher als üblich: Er gesteht zu, dass die dadurch ermöglichte Verlagerung von Risiken vorteilhaft sein kann, betont aber die durch Verbriefungen entstehenden Informationsprobleme.

          Diesen Nachteil hält er für wichtiger als den Vorteil der Risikostreuung. Dass Verbriefungen sich am Markt durchsetzten, hat für ihn mehr mit den Vorteilen für die Banken als für die Endabnehmer zu tun. Die Banken konnten Gebühren kassieren. Stiglitz beklagt hier eine Kluft zwischen privaten und sozialen Erträgen. Sein Urteil über die Leistung der amerikanischen Finanzmärkte kann man so zusammenfassen: Fehlallokation von Kapital, hohe Risiken, hohe Transaktionskosten, Abwälzen der Verluste auf den Steuerzahler.

          Radikal weicht Stiglitz an folgender Stelle von den gängigen Erklärungen ab: Wenn manche Banken so groß sind, dass sie in der Krise gerettet werden müssen, dann hätte der Staat nie zulassen dürfen, dass sie so groß wurden. Die meisten Ökonomen bleiben vor der Schlussfolgerung stehen, in Größe, Systemrelevanz und Rettungsbedürftigkeit allein schon einen Hinweis auf Regulierungsversagen zu sehen.

          Hintergründe der Krise sind nach Stiglitz neben der marktfundamentalistischen Verblendung vieler Ökonomen ein globales Nachfragedefizit, das vor der Krise dadurch verdeckt wurde, dass die Amerikaner über ihre Verhältnisse lebten. Man spürt den Keynesianer. Seine Bewertung der amerikanischen Politik ist vernichtend. Umverteilung vom Steuerzahler zu den Banken und andere staatliche Vergünstigungen für Unternehmen ("corporate welfare") sind ihm zuwider. Er gesteht nur zu, dass Nichtstun noch schlimmer gewesen wäre.

          Auch und gerade wer Stiglitz politisch fernsteht, kann an sehr vielen Stellen von seinen Argumenten lernen. Er schreibt klar und allgemeinverständlich. Vor allem aus den ersten Kapiteln lässt sich viel lernen. Das bedeutet nicht, dass Stiglitz mit seiner These von der Leistungsfähigkeit des Staates überzeugt. Aus der von ihm beklagten Anfälligkeit der amerikanischen Politik für Beratung durch die falschen Ökonomen, den ebenfalls beklagten Regulierungsdefiziten oder den teuren Fehlern bei der Krisenbewältigung lässt sich kein Befähigungsnachweis der Politik ableiten.

          Auf den letzten Seiten vermutet Stiglitz sogar, dass die Anreize zum kurzfristigen Denken für Politiker noch größer als für Manager sind, dass der Einfluss von Interessengruppen eine vernünftige Politik so gut wie unmöglich macht. Obwohl Stiglitz in der Wirtschaftspolitik von Bush zu Obama mehr Kontinuität als Veränderung sieht, hofft er weiter auf sinnvolle politische Maßnahmen.

          ERICH WEEDE

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