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: Was ist ein Unternehmen?

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Wer bei dem Titel an eine dröge Dogmengeschichte denkt, wird im besten Sinne enttäuscht. Das neueste Buch des emeritierten Betriebswirts Klaus Brockhoff bietet eine stets kompetente und teilweise auch kurzweilige Darstellung einer spannenden Thematik: des Aufstiegs der "BWL" von ersten kruden Keilschriften ...

          Wer bei dem Titel an eine dröge Dogmengeschichte denkt, wird im besten Sinne enttäuscht. Das neueste Buch des emeritierten Betriebswirts Klaus Brockhoff bietet eine stets kompetente und teilweise auch kurzweilige Darstellung einer spannenden Thematik: des Aufstiegs der "BWL" von ersten kruden Keilschriften bis zur beispiellosen Erfolgsgeschichte einer neuen Disziplin akademischer Lehre und Forschung.

          Laut Befragungen des ehemaligen Rektors der WHU Vallendar und jetzt dort weiter lehrenden Honorarprofessors waren sich seine Studierenden nicht im Klaren, ob die Betriebswirtschaftslehre eine Wissenschaft sei oder ein Rezeptbuch voller Regeln. Konsequent beschreibt Brockhoff zunächst die Methoden und Institutionen der Wissensgewinnung und Wissensbewahrung.

          Daran anschließend untersucht er das Modell des wissenschaftlichen Fortschritts von Thomas Kuhn und prüft, ob sich das Konzept eines Paradigmenwechsels auf die Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre übertragen lässt. Jede wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Unternehmen als Objekt der BWL müsse die Fragen beantworten: "Was ist ein Unternehmen? Warum gibt es Unternehmen? Was tut ein Unternehmer - oder wie rechtfertigt er sein Einkommen?"

          Der Verfasser definiert ein Unternehmen von seinen Funktionen her, nicht anhand von persönlichen Eigenschaften des Unternehmers. Er skizziert zunächst die Entwicklung des kaufmännischen Wissens von der Antike bis zur Aufklärung, wobei auch die Geschichte des Zinsverbots beschrieben wird. In den Mittelpunkt rückt dann die Entwicklung der BWL zu einer Universitätsdisziplin. Vom ersten Plädoyer Marpergers 1715 für eine Lehre der "Kauffmannschaft" auf Akademien bis zur Gründung der ersten Handelshochschule 1898 in Leipzig vergingen knapp 200 Jahre.

          Der erste Habilitand der neuen Disziplin war Eugen Schmalenbach in Köln im Jahr 1903. Der Errichtung von weiteren Handelshochschulen und Lehrstühlen folgte 1921 die Gründung des "Verbands der Dozenten für Betriebswirtschaftslehre an deutschen Hochschulen". Besondere Verdienste erwirbt sich der Verfasser mit seiner schonungslosen Aufdeckung der "Führergläubigkeit" einzelner Professoren während des Dritten Reichs. 1948 folgte die Wiedergründung als "Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft", der heute rund 1600 Mitglieder hat.

          Brockhoffs historisches Interesse wirkt - bei einer ausgesprochenen Liebe zum Detail - nicht historisierend. Kenntnisreich geht er den verschiedenen Strömungen innerhalb der BWL nach, wobei zu Recht das Werk und die Würdigung von Erich Gutenberg im Mittelpunkt stehen. Gutenberg ist es zu verdanken, dass er mit dem produktivitätsorientierten Paradigma die Kombination der elementaren und dispositiven Faktoren als die betriebs- und volkswirtschaftliche Aufgabe des Unternehmers in einer marktwirtschaftlichen Ordnung bestimmte. In seiner vielbeachteten Rede zur Gründungsfeier der Universität zu Köln am 22. Mai 1957 begründete er die Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft mit ihren grundlegenden Beiträgen zur betrieblichen Rechnungslegung, zu den Einflussfaktoren der Produktionskosten und den absatzpolitischen Entscheidungen von Unternehmen.

          Abschließend seien noch zwei Anregungen für eine wünschenswerte zweite Auflage ausgesprochen. Im Zusammenhang mit der land- und forstwirtschaftlichen Betriebslehre verweist der Verfasser zu Recht darauf, dass sich die Forstwirtschaft mit langfristigen Entwicklungen beschäftigen müsse. In der Tat fußt die Forderung nach dauerhaften, auf ökologische Nachhaltigkeit abzielenden Maßnahmen auf Bestimmungen der badischen Forstwirtschaft im frühen 19. Jahrhundert zum "optimalen Hiebwert", um Raubbau in den Wäldern zu verhindern.

          Wer, wie der Rezensent, die Gelegenheit hatte, in den fünfziger Jahren in Köln zu studieren, wird sich an die dogmengeschichtliche Vorlesung Rudolf Seyfferts erinnern. Er vertrat das Fach Handelsbetriebslehre und beschrieb bereits 1925 die Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre. Die vorzügliche inhaltliche Bearbeitung des Stoffs wird von Brockhoff didaktisch wirkungsvoll unterstützt durch die Einfügung von Fotografien, Abbildungen und Faksimiles. Nicht nur die Studierenden wissen jetzt mehr.

          HARTMUT KREIKEBAUM

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