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: Warum die Blase geplatzt ist

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Joseph Stiglitz: Die Roaring Nineties. Siedler-Verlag, Berlin 2004, 348 Seiten, 24 Euro.Der Klappentext des neuen Buches von Joseph Stiglitz macht stutzig: Dort wird der Nobelpreisträger nicht nur als Wirtschaftsberater von Präsident Bill Clinton und Chefökonom der Weltbank vorgestellt, sondern auch als ein "intimer Kenner der internationalen Konzernzentralen" gepriesen.

          Joseph Stiglitz: Die Roaring Nineties. Siedler-Verlag, Berlin 2004, 348 Seiten, 24 Euro.

          Der Klappentext des neuen Buches von Joseph Stiglitz macht stutzig: Dort wird der Nobelpreisträger nicht nur als Wirtschaftsberater von Präsident Bill Clinton und Chefökonom der Weltbank vorgestellt, sondern auch als ein "intimer Kenner der internationalen Konzernzentralen" gepriesen. Das erschließt sich nicht unmittelbar aus dem Lebenslauf des engagierten Wissenschaftlers und Politikberaters; Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage sind angebracht. Was auf den nächsten 348 Seiten folgt, ist hingegen nicht alles neu, aber es ist Stiglitz in Reinkultur.

          Der Ökonom analysiert die Entwicklung der neunziger Jahre, die den Vereinigten Staaten einen schier unglaublichen Aufschwung ihrer Wirtschaft bescherten, und er benennt die Gründe, die seiner Ansicht nach letztlich zu den Übertreibungen und dem Zerplatzen der Blase an den Märkten geführt haben. Die Darstellung gerät zu einer scharfen Abrechnung mit der Politik der amerikanischen Notenbank unter Führung von Alan Greenspan, dem Stiglitz vorwirft, "den Börsenhype" durch eine zu lockere Geldpolitik angefacht und das Geschehen an den Finanzmärkten fälschlich zum Maß aller Dinge gemacht zu haben. Diese Einschätzung braucht der Leser freilich ebensowenig zu teilen wie den Vorwurf an das Finanzministerium in der Regierung Clinton, den Abbau der Budgetdefizite viel zu schnell vorangetrieben zu haben, statt etwas weniger zu sparen und mehr Geld beispielsweise für die Bildung auszugeben. Leider wird nicht immer ganz deutlich, wann Stiglitz sich mit den Entscheidungen der Regierung identifiziert, der er selbst für einige Zeit angehörte, und wann er sich davon distanziert.

          Durchaus aufschlußreich ist die Analyse der Ursachen, die zur wachsenden Gier mancher Manager und schließlich zu den Bilanzskandalen großer Unternehmen wie Enron oder Worldcom geführt haben.

          Stiglitz greift dafür auf Einsichten aus seiner wissenschaftlichen Arbeit zurück. Nach seiner Auffassung läßt sich die Fehlentwicklung darauf zurückführen, daß einige Marktakteure sich durch verschiedene, vielfach illegale Tricks einen Informationsvorsprung gegenüber dem Rest der Marktteilnehmer erworben haben. Die ungleiche Verteilung von Informationen, die zur Bewertung von Unternehmen und ihren Aktien notwendig sind, habe zum Entstehen der Blase beigetragen, erläutert Stiglitz. Diese Diagnose, verbunden mit der Auffassung, daß sich Anreize für ein solches Verhalten auf freien Märkten nicht beseitigen ließen, führt den Nobelpreisträger zu seiner wichtigsten Forderung: Der Staat müsse regulierend eingreifen, mehr als bisher, um ein Versagen des Marktes aufgrund asymmetrisch verteilter Informationen zu verhindern. Es nimmt darum kaum wunder, daß auch der Name von John Maynard Keynes an mehr als einer Stelle des Buches erwähnt wird.

          In diesem Geiste entwirft Stiglitz im letzten Abschnitt des Buches seine Vision eines "Neuen Demokratischen Idealismus", die auf drei Grundpfeilern beruht: auf sozialer Gerechtigkeit als dem Ergebnis staatlicher Umverteilung von Reich zu Arm, auf politischen Werten im Sinne einer  Begrenzung des Einflusses des Geldes auf die Politik sowie auf einem neuen Gleichgewicht zwischen individuellem und kollektivem Handeln in einer demokratischen Gesellschaft. Sein Zukunftsentwurf, schreibt Stiglitz, basiere auf globaler sozialer Gerechtigkeit und einer Einschränkung der Autonomie des Marktes. Der Fehler, der dem Nobelpreisträger wie auch schon seinem Vorbild Keynes unterläuft, liegt in der  unerschütterlichen Zuversicht, der Staat wisse besser als der Markt, wie sich die Bedürfnisse der Menschen befriedigen lassen.

          CLAUS TIGGES

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