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: Vorurteile und Irrtümer

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Henrik Müller: Wirtschaftsirrtümer. Richtigstellungen von Arbeitszeitverkürzung bis Zinspolitik. Verlag Eichborn, Frankfurt 2004, 272 Seiten, 22,90 Euro.Die öffentliche Debatte über wirtschaftspolitische Fragen in Deutschland krankt an vielen Vorurteilen und Irrtümern. Deren Bekämpfung ist auch ...

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          Henrik Müller: Wirtschaftsirrtümer. Richtigstellungen von Arbeitszeitverkürzung bis Zinspolitik. Verlag Eichborn, Frankfurt 2004, 272 Seiten, 22,90 Euro.

          Die öffentliche Debatte über wirtschaftspolitische Fragen in Deutschland krankt an vielen Vorurteilen und Irrtümern. Deren Bekämpfung ist auch deshalb so schwer, weil Politiker und verschiedene Interessengruppen sie immer wieder benutzen und so fortschreiben. Das ist einer der Gründe dafür, daß notwendige Reformen mit Argumenten blockiert werden können, die bei näherer Betrachtung geradezu hanebüchen wirken. Deshalb ist jeder Versuch gutzuheißen, der öffentlichen Ignoranz entgegenzutreten. Henrik Müller hat es unternommen, die wichtigsten der weitverbreiteten "Wirtschaftsirrtümer" zu identifizieren und zu klären. Das Spektrum reicht von den Folgen von Arbeitszeitverkürzungen über die Übernahmen deutscher Unternehmen durch Ausländer bis hin zum vermeintlichen Gegensatz von Moral und "Profit".

          Das Buch ist eine gut lesbare und gleichzeitig fundierte Darstellung ökonomischer Probleme - doch nicht nur das. Besonders aufschlußreich ist die jeden Abschnitt abschließende Betrachtung zur Politischen Ökonomie. Dort wird gefragt: Wem nützen die falschen und irreführenden Darstellungen? Es zeigt sich, daß die Interessenkoalitionen, die zum deutschen Reformstau beitragen, einen Großteil ihrer Legitimation aus den diskutierten Irrtümern ziehen. Gewerkschaften, Unternehmerverbände und alle Parteien benutzen in jeweils unterschiedlichen Bereichen auf den ersten Blick plausible Fehldeutungen wirtschaftlicher Zusammenhänge, um Vorteile für ihre Klientel zu erreichen. Hier drängt sich allerdings die Frage auf, ob der Begriff "Wirtschaftsirrtümer" wirklich den Kern dessen trifft, was Müller zu Recht angreift - schließlich handelt es sich oft eben nicht um Irrtümer, die in einer sachlichen Debatte richtiggestellt werden können, sondern um bewußte Verschleierung.

          Trotz der Fülle der behandelten Fragen entgeht der Autor fast immer der Gefahr, bei der Klarstellung von Verzerrungen selbst einseitig zu werden. Er behauptet nicht einfach das Gegenteil der Wirtschaftsirrtümer, sondern stellt ihnen ein differenziertes Bild entgegen. Auch in der Identifizierung der Irrtümer ist er nicht ideologisch, sondern kritisiert die Losung "Wir müssen den Gürtel enger schnallen" genauso wie die Gegner von Globalisierung oder Einwanderung. Wohltuend und sicher für viele Leser überraschend ist, daß Müller die geradezu gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, der Mittelstand sei der Motor der deutschen Wirtschaft, hinterfragt und relativiert.

          Gelegentliche Wiederholungen sind der Preis dafür, daß das Buch auch als Nachschlagewerk zu benutzen ist, wenn der Leser Orientierung in aktuellen Diskussionen sucht. Die Verweise auf andere Kapitel erhöhen den praktischen Nutzen noch weiter. Lediglich die gelegentlichen Ausflüge in den nichtökonomischen Bereich überzeugen nicht immer. So wären Abschnitte zur Gerechtigkeitstheorie von John Rawls, die weder die Theorie noch ihre möglichen Implikationen vollständig korrekt darstellen, verzichtbar gewesen. Das ändert aber nichts am durchweg positiven Gesamteindruck. Es ist allerdings zu befürchten, daß nicht einmal viele weitere Bücher dieser Qualität ausreichen würden, um der ökonomischen Vernunft in der deutschen Öffentlichkeit und bei den politisch Verantwortlichen den Rang zu verschaffen, den sie verdiente. Henrik Müller hat die Ursachen dafür trefflich dargestellt.

          SASCHA TAMM

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