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: Überwindung von Politikblockaden

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Karl Homann: Vorteile und Anreize. Zur Grundlegung einer Ethik der Zukunft. Herausgegeben von Christoph Lütge, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2002, 274 Seiten, 39 Euro.Der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek hat neben Karl Popper darauf hingewiesen, daß Stammesgesellschaften ihre Mitglieder auf gemeinsame spezifische Ziele verpflichten und deshalb "zielverknüpft" sind.

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          Karl Homann: Vorteile und Anreize. Zur Grundlegung einer Ethik der Zukunft. Herausgegeben von Christoph Lütge, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2002, 274 Seiten, 39 Euro.

          Der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek hat neben Karl Popper darauf hingewiesen, daß Stammesgesellschaften ihre Mitglieder auf gemeinsame spezifische Ziele verpflichten und deshalb "zielverknüpft" sind. Moderne offene Gesellschaften hingegen seien nur "mittelverknüpft". Erst durch den Verzicht auf vorgegebene gemeinsame spezifische Ziele könne eine offene Gesellschaft freier Menschen entstehen, in der "die verschiedenen Mitglieder von den Tätigkeiten aller anderen nicht nur trotz, sondern oft sogar auf Grund der Verschiedenheit ihrer jeweiligen Ziele" (Hayek) profitierten. Das heißt, daß gerade die moderne Gesellschaft als "ein Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil" zu begreifen ist, wie es der Philosoph John Rawls formuliert hat. Deshalb ist es auch nur konsequent, wenn der in München lehrende Ökonom und Philosoph Karl Homann die von ihm entwickelte Konzeption von Wirtschaftsethik auf Vorteilen und Anreizen aufbaut.

          Vorteile und Anreize sind für die meisten Menschen jedoch das genaue Gegenteil von Moral und Ethik. Mit Hayek läßt sich dieses Phänomen dadurch erklären, daß sich die heute immer noch vorherrschende moralische Tradition aus der ziel-verknüpften Stammesgesellschaft herleitet. Die meisten Menschen weigern sich auch heute noch, von den kleinen Verhältnissen der Stammesgesellschaft auf die großen Verhältnisse der modernen Gesellschaft umzudenken. Damit geht die Gefahr einher, daß sich die moderne Gesellschaft, die im geschichtlich beispiellosen Umfang Wohlstand für alle ermöglicht hat, selbst blockiert, wenn nicht gar selbst zerstört.

          Aufgrund dieser Gefahr ist der Ausgangspunkt im Denken von Karl Homann höchst interessant und relevant. Homann geht von der Prämisse aus, daß gesellschaftliche Polarisierungen und Politikblockaden zumeist auf Theorieblockaden zurückzuführen sind. Durch unzweckmäßige Begriffs- und Theoriestrategien werde die Lösung von seit langem bestehenden Problemen - zum Beispiel der Probleme des Arbeitsmarktes und der sozialen Sicherungssysteme sowie der Dritten Welt - auf Dauer blockiert. So sei in Europa und vor allem in Deutschland die Marktwirtschaft nur wenige Jahre nach ihrem Sieg über den Sozialismus von 1989/90 in eine tiefe Legitimationskrise geraten. Insbesondere bilde der auf unzweckmäßige Begriffs- und Theoriestrategien zurückgehende Dualismus von Wirtschaft und Moral, Ökonomik und Ethik den Nährboden für gesellschaftspolitische Konflikte, die sich unter den Streit um den Neoliberalismus subsumieren ließen.

          In der von Christoph Lütge herausgegebenen Aufsatzsammlung, in der sinnvoll ausgewählte und sehr lesenswerte Beiträge von Karl Homann aus der Zeit zwischen 1990 und 2001 zusammengestellt sind, verdeutlicht der Autor indes: "Wer dualistisch ansetzt, modelliert die Problematik als Entscheidung zwischen Werten." Eine Entscheidung zwischen Werten (zum Beispiel Freiheit versus soziale Gerechtigkeit) sei jedoch nicht in der Sache selbst begründet, sondern einer unzweckmäßigen Problemstrukturierung geschuldet. "Im Anschluß an Immanuel Kant bleibt nur der Ausweg, diesen Dualismus von vornherein, das heißt in der Problemstellung und im Zuschnitt der Kategorien, zu unterlaufen und das Problem anders, nämlich so zu strukturieren, daß der lebensweltlich erfahrene Dualismus theoretisch vermieden und damit seine Auflösung ermöglicht wird."

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