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: Totes Kapital lebendig machen

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Hernando de Soto: Freiheit für das Kapital. Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert. Rowohlt, Berlin 2002, 288 Seiten, 19,90 Euro.Meist sind es nur einige wenige gute Ideen, die einem Wissenschaftler zu Ruhm verhelfen. Manchmal ist es nur eine. Der peruanische Entwicklungsökonom Hernando de Soto ist so ein Fall.

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          Hernando de Soto: Freiheit für das Kapital. Warum der Kapitalismus nicht weltweit funktioniert. Rowohlt, Berlin 2002, 288 Seiten, 19,90 Euro.

          Meist sind es nur einige wenige gute Ideen, die einem Wissenschaftler zu Ruhm verhelfen. Manchmal ist es nur eine. Der peruanische Entwicklungsökonom Hernando de Soto ist so ein Fall. Schon in seinem Buch "Marktwirtschaft von unten" hat er den Gedanken formuliert, den er in seinem neuen Buch "The Mystery of Capital", das jetzt unter dem Titel "Freiheit für das Kapital" auf deutsch erschienen ist, variiert und weiterentwickelt. Seine These: Die Menschen in der sogenannten Dritten Welt sind nicht deswegen arm, weil sie nichts haben, sondern weil ihnen der Zugang zu einem modernen Rechtssystem fehlt, das ihnen erlaubt, ihr Vermögen produktiv einzusetzen. Die Hauptursache für die Armut in der Welt lautet de Soto zufolge also nicht "zuwenig Geld", sondern "schlechtes Recht".

          Diese These stellt der Ökonom in den Zusammenhang der Globalisierungsdebatte. Er gibt den Globalisierungskritikern in vielen Punkten recht. "Außerhalb der westlichen Welt", schreibt er, "stößt der Kapitalismus auf wachsende Feindschaft; er ist ein Apartheid-System, das die meisten Menschen ausgrenzt." Die Ursache sieht er aber nicht in der Globalisierung selbst, sondern im Versagen, die "entscheidende Eigentumsfrage" in den Mittelpunkt zu stellen: In den Ländern der Dritten Welt profitieren nur wenige Privilegierte von der Globalisierung, weil die anderen keinen Zugang zum Rechtssystem haben, da es nicht gelungen ist, ihr Kapital zu "globalisieren".

          Was bedeutet das? De Soto verweilt nicht lange in der Abstraktion. Um nachvollziehen zu können, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen in vielen Ländern zu kämpfen haben, wenn sie legal unternehmerisch tätig werden wollen, hat er mit seinen Mitarbeitern eine kleine Schneiderei in einem Außenbezirk von Lima eröffnet. Nach 289 Tagen hatte das Team es geschafft, das Unternehmen handelsgerichtlich eintragen zu lassen; die Kosten betrugen 1231 Dollar - 31mal soviel wie der der monatliche Mindestlohn in Peru. Ein offizielles Genehmigungsverfahren zum Bau eines Hauses nimmt fast sieben Jahre in Anspruch, wie de Soto weiter berichtet - und erfordert 207 Behördengänge in 52 Regierungsstellen. Teilweise noch absurdere Verhältnisse schildert der Autor von den Philippinen, aus Ägypten oder Haiti. Und es hat sich gezeigt, daß es mit der Anmeldung eines Gewerbes oder eines Rechtstitels nicht getan ist: "In jedem Land, in dem wir Untersuchungen durchführten, haben wir festgestellt, daß es fast ebenso schwer ist, legal zu bleiben wie legal zu werden."

          Kein Wunder, argumentiert de Soto, daß die meisten Menschen in den Entwicklungsländern dankend ablehnen und auf die zweifelhaften Vorzüge ihres Rechtssystems verzichten. Sie werden "extralegal" - mit schweren Konsequenzen für die gesamte Wirtschaft. Das produktive Potential ihres Vermögens bleibt ungenutzt - und die Menschen haben Vermögen, wenn auch ohne Rechtstitel, ohne staatliche Durchsetzbarkeit, ohne Urkunde. Vielfach sind es nur kleine Hütten, aber es sind viele, und in der Summe ist es eine Menge "totes Kapital": In Peru schätzt de Soto das extralegale Immobilienvermögen auf 74 Milliarden Dollar, 14mal soviel wie der Wert aller ausländischen Investitionen in der Geschichte des Landes. Für Ägypten kommt er sogar auf 240 Milliarden Dollar - 45mal soviel wie der Wert aller ausländischen Investitionen im Land. Hochgerechnet auf alle Länder der Dritten Welt und des ehemaligen Ostblocks, kommt er auf einen Gesamtwert extralegaler Immobilien von 9,3 Billionen Dollar, 93mal soviel wie die gesamte Entwicklungshilfe der Industrieländer in den zehn Jahren nach 1989. Diese Zahlen mögen im Detail angreifbar sein; die Grundthese aber ist bestechend: Eine Reform des Eigentumsrechts, die es den Menschen in den betreffenden Ländern erlauben würde, ihre extralegalen Vermögen zu vertretbaren Kosten zu legalisieren, könnte zweifellos einen Wachstumsschub freisetzen.

          Indes, die Idee erscheint so einfach, daß man sich fragt, warum nicht schon früher jemand darauf gekommen ist. Das ist freilich nicht so. Der Autor weist selbst darauf hin, daß zum Beispiel die Regierung in Peru in den 400 Jahren seit der spanischen Eroberung mindestens 22mal eine Formalisierung des Grundeigentums versucht habe. Den Hauptgrund für das Scheitern sieht de Soto darin, daß die Reformer so getan haben, als herrschte in den Armenvierteln ein eigentumsrechtliches Vakuum. Sie versäumten es, bei der Setzung formaler Eigentumsrechte die informellen Eigentumsregeln zu berücksichtigen, die sich dort entwickelt hatten. De Soto empfiehlt daher, nicht irgendwelche Rechtsregeln zu setzen, sondern das bestehende extralegale Recht zu "entschlüsseln" und zu formalisieren.

          Daß es auch damit nicht getan sein wird, auch das weiß de Soto. Denn von jeder Reform des Eigentumsrechts werden immer auch handfeste Interessen berührt. Er glaubt aber daran, daß die Eliten in den betroffenen Ländern überzeugt werden könnten, daß die Aktivierung des wirtschaftlichen Potentials der Armen auch ihnen Vorteile bringen würde. Auch dies dürfte sich als gewaltige Aufgabe erweisen.

          De Soto aber hat seinen Beitrag geleistet: Er hat den Kern jener ordnungspolitischen Aufgabe umrissen, die in den Entwicklungsländern zu leisten ist. Wenn das Buch ohne ideologische Scheuklappen aufgenommen wird, kann es nicht weniger sein als ein Befreiungsschlag für die Debatte um Entwicklung und Globalisierung. Denn die dreht sich seit langem im Kreis. Zuviel wird über das Verteilen von Geldern gesprochen und zuwenig darüber, wie die Armen in die Lage versetzt werden können, sich selbst zu helfen.

          ROLF ACKERMANN

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