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: Streben nach Gerechtigkeit

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Das Roman Herzog Institut hat vier Sozialwissenschaftlern die Frage nach der Wichtigkeit der Gerechtigkeit vorgelegt. Die eindeutigste und klarste Antwort gibt der Sozial- und Wirtschaftspsychologe Detlef Fetchenhauer. Das Gleichheitsprinzip dominiert. Es spielte schon in der Steinzeit oder bei anderen Primaten eine Rolle.

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          Das Roman Herzog Institut hat vier Sozialwissenschaftlern die Frage nach der Wichtigkeit der Gerechtigkeit vorgelegt. Die eindeutigste und klarste Antwort gibt der Sozial- und Wirtschaftspsychologe Detlef Fetchenhauer. Das Gleichheitsprinzip dominiert. Es spielte schon in der Steinzeit oder bei anderen Primaten eine Rolle. Abweichungen von diesem Prinzip sind rechtfertigungspflichtig. Die Gleichheitspräferenz kann sogar eigennützige Interessen überwinden. Aber das Prinzip wirft Anreizprobleme auf und passt deshalb nicht gut zu einer komplexen arbeitsteiligen Gesellschaft.

          Der Soziologe Stefan Liebig vertritt die Auffassung, dass Kooperation leichter fällt, wo Menschen Gerechtigkeit sehen. Andernfalls fürchten sie, ausgebeutet zu werden. Er unterscheidet vier Gerechtigkeitsprinzipien. Neben der Gleichheit spielen noch Bedarf, Anrechte und Leistung eine Rolle, wobei die Prinzipien verschiedenen Arten der sozialen Beziehungen zugeordnet werden, beispielsweise das Leistungsprinzip dem Markt und das Gleichheitsprinzip der "peer group". Liebig betont die Unschärfe der Prinzipien und den oft auftretenden Konflikt über die Art der sozialen Beziehungen und damit indirekt darüber, welches Prinzip gelten sollte.

          Auch der Soziologe Stefan Hradil sieht mehrere Gerechtigkeitsprinzipien und beklagt ein Defizit an Prägnanz und Konsistenz bei Forderungen nach Gerechtigkeit. Dennoch will er sich der negativen Bewertung des Strebens nach Gerechtigkeit als Quelle des Streits wie beim Nobelpreisträger Hayek nicht anschließen. Er erwartet, dass mit zunehmender Ungleichheit die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit lauter werden wird. Befriedigung des Gerechtigkeitsbedürfnisses erwartet er eher in Familie, Nachbarschaft und kleinen Netzwerken als durch Markt oder Staat.

          Während der Psychologe und die beiden Soziologen empirisch im engeren Sinne des Wortes vorgehen, kann man das Kapitel des Ökonomen Nils Goldschmidt der Wirtschaftsphilosophie zurechnen. Es ist eine engagierte Verteidigung der Setzung von Rahmenbedingungen für die Wirtschaft durch den Staat und der sozialen Marktwirtschaft. Letztlich bedeutet Gerechtigkeit für Goldschmidt, den "Menschen die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer individuellen Fähigkeiten zu geben". Hier wird dem Staat eine anspruchsvolle Pflicht zugemutet. Merkwürdigerweise äußert sich der Ökonom weniger zum Anreizproblem für Produzenten als die anderen Wissenschaftler. Wenn der Psychologe und die Soziologen mit ihrer Aufdeckung des Konfliktpotenzials der Forderung nach Gerechtigkeit recht haben, dann verlangt Goldschmidt zu viel oder das Unmögliche vom Staat. Für die "Entfaltung individueller Fähigkeiten" können gleichzeitig Abweichungen von Fetchenhauers kognitivem Anker, dem Gleichheitsprinzip, als auch vom Leistungsprinzip notwendig sein.

          ERICH WEEDE

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