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: Selbstgebackenes Zuckerbrot

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Der Einband sagt alles über den Inhalt des neuen Buchs von Tyler Cowen. Gäbe es eine deutsche Ausgabe, dann müsste sich statt der knackigen Karotte auf dem Einband wohl feines Süßgebäck dem Auge darbieten, das sogenannte Zuckerbrot. Denn Tyler Cowen, Ökonomieprofessor an der George Mason University ...

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          Der Einband sagt alles über den Inhalt des neuen Buchs von Tyler Cowen. Gäbe es eine deutsche Ausgabe, dann müsste sich statt der knackigen Karotte auf dem Einband wohl feines Süßgebäck dem Auge darbieten, das sogenannte Zuckerbrot. Denn Tyler Cowen, Ökonomieprofessor an der George Mason University in Fairfax, Virginia, verfolgt mit seinem Buch ein einziges Ziel: Er will den ökonomischen Laien dazu erziehen, in Anreizen zu denken. Und zwar in positiven Anreizen; der Stock oder die Peitsche interessiert ihn weniger.

          Cowen will lehren, wie man ein erfülltes, glückliches Leben führt - und zeigt uns, dass ökonomisches Denken praktische Hilfe gibt. "Der wahre Zweck der Ökonomie ist es, dass wir mehr von den guten Dingen im Leben abbekommen", schreibt der in Amerika als Buchautor und Blogger hoch gepriesene liberale Ökonom. Mit klarem, kreativem Denken, mit psychologischem Geschick, mit den Erkenntnissen der experimentellen Ökonomie im Hinterkopf und einer lockeren Feder in der Hand befreit er sein Fach endlich von seinem hergebrachten Ruf als trostloser Wissenschaft, als "dismal science", wie es der schottische Historiker Thomas Carlyle vor fast zwei Jahrhunderten ausgedrückt hat.

          Geld allein reicht nicht aus, um in einer Welt der Knappheit all das zu bekommen, was man sich wünscht - zum Beispiel ein Familienmitglied, das sich um den Abwasch kümmert; einen zuverlässigen Reiseführer, der die eigene Unwissenheit nicht ausnutzt; ein Grundwissen in Sachen Kunst; ein verständliches Kochbuch oder kürzere geschäftliche Meetings. Und so geht es Cowen vor allem darum, wie wir uns selbst und andere mit oder ohne Geld am besten motivieren, wie wir uns selbst und anderen also Anreize setzen, die funktionieren.

          Eine solche Lebensstrategie setzt voraus, dass wir uns und die anderen einigermaßen gut kennen; dass wir die jeweiligen Umstände, Werte, Ziele, Möglichkeiten und Einschränkungen berücksichtigen und zu unserem Vorteil nutzen. So mag es für den unbedarften Koch hilfreich sein, sich bei der Auswahl eines Rezeptbuchs zu fragen, ob der Verfasser möglicherweise vor allem dem Anreiz folgt, seine Kunst über alle möglichen kulinarischen Ziselierungen zu demonstrieren, als dem Leser nachvollziehbaren Rat zu geben - und dann vielleicht doch besser ein Buch zu wählen, das kein Sternekoch geschrieben hat.

          Cowen bringt eine Fülle solcher Beispiele. Eines davon ist die Last der kulturellen Lebenslüge. Viele Menschen wären gern Kunstkenner, doch lange, ermüdende Museumsbesuche schrecken sie, und so hinken sie zeitlebens hinter ihrem eigenen Anspruch her. Das müsse nicht sein, meint Cowen. Man brauche sich nur ein paar Tricks für Museumsbesuche auszudenken, damit man die eigene Geduld nicht überschreite - genau so, wie man zappelige Kinder an Dinge heranführt, die ihnen einiges an Aufmerksamkeit abverlangen. "Der Ökonom in uns geht von der Tatsache aus, dass unsere Aufmerksamkeit ein knappes Gut ist, und arbeitet dann mit dieser Nebenbedingung."

          Im Kern geht es um kluge Selbstüberlistung im Interesse unserer größeren Ziele. Die konkreten Empfehlungen reichen dann von dem Ratschlag, den ersten, meist überfüllten Raum einer Ausstellung gleich zu übergehen, bis hin zu der spielerischen Frage, welches Bild man denn wohl nach Hause mitnehmen wollen würde.

          So wie hier sind Cowens Empfehlungen manchmal unorthodox - aber nicht immer. So mahnt er ganz klassisch, man sollte nur dann jemandem ein Trinkgeld oder einen Bonus zahlen, wenn eine Leistung tatsächlich nicht von selbst erbracht wird, wenn es also an der "intrinsischen Motivation" fehlt. Cowen warnt: "Zuckerbrot und Peitsche kann dazu führen, dass wir uns wie Sklaven fühlen. Das Ergebnis ist dann oft schlechte Leistung." Das Gleiche gilt für Almosen: Sie böten einen Anreiz, Kraft und Zeit auf das unproduktive Betteln zu verwenden, statt Werte zu schaffen.

          Sosehr er die Rolle der Anreize betont, so wichtig ist Cowen aber auch der Hinweis auf die Grenzen des ökonomischen Kalküls. "Im Kapitalismus geht es darum, zu wissen, wann man die Anreize ändern sollte und wann man aufhören muss, an Geld zu denken", schreibt er. So sei es gar nicht sinnvoll, bei jeder einzelnen Handlung stets Kosten und Nutzen abzuwägen - im Alltag lägen viele Grundsatzentscheidungen bereits hinter uns, und nicht jede Entscheidung sei überhaupt wirklich von Bedeutung. "Obsessive Berechnung zerstört Vertrauen", schlussfolgert Cowen. Manchmal sei es einfach wichtiger, nett zu sein, als sich durchzusetzen.

          KAREN HORN

          Die Verfasserin leitet das Berliner Büro des Instituts der deutschen Wirtschaft.

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