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: Schumpeter II

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Das Werk Joseph Schumpeters wurde bereits von vielen Ökonomen gewürdigt. Seine ungewöhnliche Persönlichkeit, die ihresgleichen sucht, macht den Österreicher aber auch zu einem faszinierenden Studienobjekt für Psychologen. Die Journalistin Annette Schäfer hat Volkswirtschaftslehre und Psychologie studiert ...

          Das Werk Joseph Schumpeters wurde bereits von vielen Ökonomen gewürdigt. Seine ungewöhnliche Persönlichkeit, die ihresgleichen sucht, macht den Österreicher aber auch zu einem faszinierenden Studienobjekt für Psychologen. Die Journalistin Annette Schäfer hat Volkswirtschaftslehre und Psychologie studiert und versteht es daher, sich dem Phänomen Schumpeter aus beiderlei Perspektive zu nähern. Ihre jetzt erschienene Biographie ist weitaus weniger monumental geraten als das Werk McGraws, aber ausführlich genug, um Schumpeters ungewöhnliches Leben angemessen zu schildern. Dass die Autorin den berühmten Ökonomen letztlich überwiegend beschreibt und weniger erklärt, schadet ihrem Buch nicht.

          Denn was soll man von einem Mann halten, der, von einem starken Ehrgeiz angetrieben, sich einerseits unter einen täglichen Arbeitsstress setzte, unzählige gelehrte Bücher las und viele, nicht selten voluminöse Werke verfasste - und andererseits am helllichten Tage im offenen Wagen mit zwei bekannten Prostituierten demonstrativ durch Wien fuhr, um der Wiener Gesellschaft zu zeigen, dass ihn das Gerede über seinen Lebenswandel nicht interessiert?

          Was ist von einem Mann zu denken, der einerseits über die großen Entwicklungslinien von Wirtschaft und Gesellschaft nachdachte und andererseits ein regelrechtes Duell mit einem Bibliothekar ausfocht, weil der Schumpeters Studenten nicht alle verlangten Bücher aushändigen wollte? In diesem Stile ließe sich noch lange weitermachen; an skurrilen Anekdoten über den Österreicher herrscht kein Mangel.

          Schumpeter selbst vertrat die Ansicht, dass die ökonomischen Theorien eines Wissenschaftlers dessen "Vision" ausdrückten und diese Vision durch "Werte, Interessen und Ziele seiner sozialen Klasse sowie seine individuellen Vorlieben und Überzeugungen geprägt" werde. Sein Interesse an der Rolle des Unternehmers und dessen "schöpferischer Zerstörung" mag sich mit seiner Herkunft aus einer mährischen Industriellenfamilie erklären. Das hielt ihn aber nicht davon ab, nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin in einer Kommission, die über die Sozialisierung der deutschen Wirtschaft nachdachte, die radikalsten Positionen zu vertreten.

          Viele seiner Bekannten hielten ihn weder für einen Liberalen noch für einen Linken, sondern für einen Konservativen - mit erheblicher Distanz gegenüber Deutschland. Was ihn nicht davon abhielt, an der Universität in Bonn gute Beziehungen zu dortigen Kollegen zu unterhalten.

          GERALD BRAUNBERGER

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