https://www.faz.net/-gqz-wir2

: Schumpeter I

  • Aktualisiert am

Dass Joseph Alois Schumpeter zu den größten Ökonomen zählt, kann mittlerweile als allgemein akzeptiert gelten. So werden die Begriffe Innovation und Unternehmertum ebenso wie die Formel von der "schöpferischen Zerstörung" zuallererst mit seinem Namen assoziiert. Weit weniger bekannt dürfte dagegen das turbulente Leben sein, das Schumpeter führte.

          Dass Joseph Alois Schumpeter zu den größten Ökonomen zählt, kann mittlerweile als allgemein akzeptiert gelten. So werden die Begriffe Innovation und Unternehmertum ebenso wie die Formel von der "schöpferischen Zerstörung" zuallererst mit seinem Namen assoziiert. Weit weniger bekannt dürfte dagegen das turbulente Leben sein, das Schumpeter führte. Genau darauf legt Thomas McCraw, Emeritus für Unternehmensgeschichte an der Harvard Business School, seinen Schwerpunkt. Das wissenschaftliche Werk bleibt dabei keineswegs unerwähnt, sondern wird auf gelungene Art und Weise mit der Lebensgeschichte in Verbindung gebracht.

          Schumpeter wird als ein Mann geschildert, der sich gerne selbst neu erfand und verschiedenste Rollen auszufüllen verstand. So erscheint er als Frauenheld, begnadeter Redner, gefürchteter Diskussionsteilnehmer, unterhaltsamer Gesprächspartner und vor allem als unermüdlicher Forscher. Als Charakterzug stellt McCraw weiterhin heraus, dass Schumpeter seine Ansichten stets vehement vertrat und dabei praktisch niemals mit der Mehrheit seiner Zeitgenossen übereinstimmte. Besonders deutlich wird dies an seiner Ablehnung des Keynesianismus oder an seiner kritischen Haltung zur Kriegführung der Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg.

          Dem Biographen gelingt es, die zahlreichen Wendepunkte des Lebens seines Protagonisten nachzuzeichnen. Bereits die Eckdaten von Schumpeters Lebensweg lassen die vielen Umbrüche erkennen. So lebte und arbeitete er in sieben Ländern. Er lehrte an fünf Universitäten und war nach dem Ersten Weltkrieg auch kurzzeitig österreichischer Finanzminister und danach einige Jahre lang als Bankier tätig. Durch die Pleite der Bank und persönliche Verbindlichkeiten stand er Mitte der zwanziger Jahre vor dem finanziellen Ruin. Nicht zuletzt war er dreimal mit sehr unterschiedlichen Frauen verheiratet. Schumpeter, der in seiner Analyse des Kapitalismus stets größten Wert auf die ständige Veränderung legte, erlebte also genau dieses Muster in seinem eigenen Leben. Diese große Parallele zwischen Leben und Werk arbeitet McCraw treffend heraus. In manchen Punkten blieb Schumpeter aber zeitlebens seiner österreichischen Herkunft verhaftet. Das beste Beispiel ist seine in den Wiener Kaffeehäusern geschulte Diskussionsführung.

          Auch die Fülle des verarbeiteten Materials ist beeindruckend. So geht McCraw nicht nur auf alle zentralen Monographien Schumpeters ein, sondern auch auf viele seiner weniger bekannten Veröffentlichungen. Ganz im Stile eines (Wirtschafts-)Historikers hat er zudem den persönlichen Nachlass ausgewertet. Ausgiebig zitiert er aus Schumpeters Tagebüchern und Briefen. Auf dieser Grundlage kann McCraw die inneren Beweggründe Schumpeters erforschen und hiermit durchaus neue und unerwartete Einblicke eröffnen. Zuallererst stößt er auf die besonders enge Beziehung zur Mutter, nachdem er im Alter von nur vier Jahren den Vater verlor. Die Mutter hatte danach ihr Leben ganz der Förderung ihres einzigen Sohns gewidmet. Mehrere Umzüge und die Heirat mit einem weit älteren pensionierten General ermöglichten ihm den Besuch der besten Schulen des Habsburgerreichs sowie der Universität von Wien.

          Dort zählten mit Friedrich von Wieser und Eugen von Böhm-Bawerk die führenden Vertreter der österreichischen Schule zu seinen akademischen Lehrern. Als besonders prägend hebt McCraw das Seminar bei Böhm-Bawerk über Marx hervor, das Schumpeter im Jahr 1905 gemeinsam mit Otto Bauer, Rudolf Hilferding, Emil Lederer und Ludwig von Mises besuchte. Die Marx'sche Kapitalismuskritik sollte für Schumpeter ein Leben lang eine Kontrastfolie für sein eigenes Werk bilden.

          Als größten persönlichen Einschnitt macht McCraw das Jahr 1926 aus, in dem Schumpeter kurz hintereinander seine Mutter Johanna, seine zweite Frau (und große Liebe) Anni und den gerade geborenen Sohn verlor. Schumpeter, zu dieser Zeit Professor in Bonn, war am Boden zerstört. Als einziger Ausweg und Trost erschien ihm seine Arbeit. Für McCraw lässt sich (nur) damit seine ungeheure Produktivität erklären. Bis zu seinem Tod wendet er sich noch regelmäßig in seinen Tagebüchern an Mutter und Frau als seine "Hasen".

          Dies blieb auch nach seiner Übersiedlung nach Nordamerika so, als er 1932 den Ruf an die Harvard University annahm. Selbst die dort geschlossene Ehe mit Elizabeth Boody konnte an der innigen Beziehung zu seinen "Hasen" wenig ändern. Elizabeth akzeptierte dies und unterstützte Schumpeter auf selbstlose Art und Weise. Insbesondere an der Fertigstellung seines Spätwerks "History of Economic Analysis" hatte sie entscheidenden Anteil. Für McCraw ist sie die "nobelste" Person in Schumpeters Lebensgeschichte. Ohne ihre Unterstützung hätte er die schwierige Zeit des Zweiten Weltkriegs und seine Depressionen nicht überstanden.

          So konnte er neben seiner Dogmengeschichte noch zwei weitere monumentale Monographien veröffentlichen. "Business Cycles" von 1939 stellte die Essenz seiner ökonomischen, historischen und statistischen Analysen des Konjunkturphänomens dar. Allerdings wurde das Buch ein publizistischer Misserfolg. Schumpeter litt sehr unter dem verbreiteten Unverständnis und der kritischen Rezeption durch Fachkollegen. Dagegen wurde das populärwissenschaftliche Werk "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" aus dem Jahr 1942 ein Bestseller. McCraw sieht darin den Höhepunkt von Schumpeters wissenschaftlicher Lebensleistung, der umfassenden Analyse des Kapitalismus.

          Insgesamt gelingt es Thomas McCraw auf beeindruckende Weise, das überaus breit gefächerte Werk Schumpeters zu erfassen und mit dessen Lebensgeschichte in Verbindung zu bringen. Dabei wurde "Prophet of Innovation" nicht in erster Linie für Fachwissenschaftler geschrieben, sondern für diejenigen, die gerne als gebildete Laien bezeichnet werden. Gerade damit ergänzt es die in den letzten Jahren erschienenen, stärker wissenschaftlich ausgerichteten Biographien. Eine deutsche Übersetzung erscheint im Herbst 2008 im Murmann-Verlag.

          ARNDT CHRISTIANSEN

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Fed-Präsident Jerome Powell : Donald Trump und sein Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.
          Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

          Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

          Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler hat Zetsche einen Posten bei Aldi Süd übernommen. Wie die F.A.Z. erfahren hat, ist er schon seit Juni im Beirat des Discounters. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.
          Sie kann für ihre Wikingerfahrt keine Mannschaft gebrauchen, der die einfachsten geographischen Grundbegriffe fehlen: Greta Thunberg.

          Klimadebatte : Gretas kindische Kritiker

          Das Kindische an der Klimadebatte ist die gespielte Naivität der Kritiker Greta Thunbergs. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hatte einen Begriff für solches Verhalten, mit dem eine Gesellschaft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.