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: Romantischer Antikapitalist

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Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts galt Werner Sombart als der bedeutendste Erforscher des Kapitalismus. Er war es auch, der den Begriff "Kapitalismus" überhaupt in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt hat. Gelebt hat dieser deutsche Ökonom, Soziologe und Wirtschaftshistoriker von 1863 bis 1941.

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          Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts galt Werner Sombart als der bedeutendste Erforscher des Kapitalismus. Er war es auch, der den Begriff "Kapitalismus" überhaupt in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt hat. Gelebt hat dieser deutsche Ökonom, Soziologe und Wirtschaftshistoriker von 1863 bis 1941. Nahezu vergessen ist das Wirken seiner Schriften in Rußland - dabei gehörte er dort von 1897 bis 1933 zu den meistgelesenen ausländischen Gelehrten. In der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg waren seine Thesen zur Entwicklung des Kapitalismus intensiver Diskussionsgegenstand in der russischen Publizistik. Auf den in seinen jüngeren Jahren sozialistischen Sombart beriefen sich die russischen Marxisten, zusammen mit Lenin. Seine Schriften sind in den frühen zwanziger Jahren für den kommunistischen Kadernachwuchs Pflichtlektüre gewesen, bis Sombart dann 1933 unter Stalin geächtet wurde.

          Dies und sehr viel mehr erfährt man aus diesem Buch des deutschen Ökonomen Joachim Zweynert und des Schweizer Slawisten Daniel Riniker. Es ist der Band 19 der "Beiträge zur Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie". Diese Reihe soll den Eindruck korrigieren, die ältere deutsche Nationalökonomie sei überholt, unbedeutend oder kurios. Im neuen Band geht es darum, den Kenntnisstand zur russischen Sombart-Rezeption zu verbessern. Mit Sombart vertraut gemacht wird der Leser kapitelweise im Zusammenhang mit der Kapitalismus-Debatte (1897 bis 1905), dem "Silbernen Zeitalter" der russischen Kultur (1905 bis 1917) und der frühen Sowjetunion (1917 bis 1933). Ein eigenes Kapitel ist Sombarts Vortragsreise durch Rußland 1914 gewidmet, die sich auch in russischen Zeitungen widergespiegelt hat. Im Fazit widersprechen die Autoren Gustav Schmollers Auffassung, der in Sombarts Frühwerk eine "einzige Verherrlichung" des Kapitalismus sah. Bereits der junge Sombart sei ein entschiedener Antikapitalist gewesen und habe sich eine "Neubildung ganz neuer Gemeinschaftsformen auf kommunistischer Grundlage" (so dessen eigene Formulierung) erhofft. Doch diese Hoffnung habe er nach der Jahrhundertwende aufgegeben und sei vom sozialistischen zum romantischen Antikapitalismus übergewechselt. Abgeschlossen wird der Band mit zwei Zeitungsbeiträgen Sombarts, neun Interviews mit ihm und einer Bibliographie.

          KLAUS PETER KRAUSE

          Joachim Zweynert/Daniel Riniker: Werner Sombart in Rußland. Ein vergessenes Kapitel seiner Lebens- und Wirkungsgeschichte. Metropolis-Verlag, Marburg 2005. 158 Seiten, 22,80 Euro.

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