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Rezension: Sachbuch : Zauberei mit Sonderziehungsrechten

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Das neue Buch von George Soros ist auf "interaktive Weise entstanden", wie der Leser im Nachwort erfährt: Der "Finanzexperte und Philanthrop" (so steht es im Klappentext) hat fast tausend Exemplare einer "Entwurfsfassung" an viele berühmte Menschen geschickt, die ihn alle gut kennen, und sie haben ihm ihre Kommentare zurückgeschickt.

          Das neue Buch von George Soros ist auf "interaktive Weise entstanden", wie der Leser im Nachwort erfährt: Der "Finanzexperte und Philanthrop" (so steht es im Klappentext) hat fast tausend Exemplare einer "Entwurfsfassung" an viele berühmte Menschen geschickt, die ihn alle gut kennen, und sie haben ihm ihre Kommentare zurückgeschickt. Daraus wurde dann ein Buch: der "Globalisierungs-Report". Man ist geneigt, dessen lausige Qualität damit zu erklären, daß Soros einige Textbausteine durcheinandergeraten sind. Die zahllosen Widersprüche in seiner Analyse könnten damit zusammenhängen, daß er einfach den Kommentar von Allan Meltzer an jenen von James Tobin gehängt, die Bemerkungen von Emma Bonino und Horst Köhler durcheinandergebracht oder die Stellungnahmen von Jagdish Bhagwati mit jenen von Amartya Sen verwechselt hat. Das Vorliegen verschiedener "Entwurfsfassungen" könnte auch erklären, daß der zentrale Vorschlag des Buches, die Ausgabe sogenannter Sonderziehungsrechte für Zwecke der Entwicklungshilfe, an mindestens fünf Stellen des Buchs - in teilweise identischen Formulierungen - auftaucht, ohne daß dem Leser auch nach zwei- und dreimaliger Lektüre klar würde, was genau Soros damit meint.

          Viele dieser Mängel sind zunächst dem Verlag anzulasten, der das Buch in teilweise katastrophaler Übersetzung und ohne wahrnehmbare redaktionelle Betreuung auf den Markt geworfen hat. Der amerikanische Originaltitel lautet "George Soros on Globalization". Damit dürfte der Leser immerhin schon ahnen, worauf er sich einläßt: auf ein Sammelsurium dessen, was der Autor zu diesem Megathema schon immer einmal sagen wollte. Es geht nicht um eine konzise Analyse möglicher "Mängel" des "globalen Kapitalismus" (wie immer man diesen definieren mag), es geht auch nicht um eine Reform der internationalen Finanzmärkte oder der sie steuernden Institutionen, es geht noch nicht einmal um konkrete Vorschläge für eine neue Entwicklungspolitik.

          Zu all diesen Themen, so könnte man vermuten, hat Soros, der geniale Spekulant und großherzige Stifter, durchaus Substantielles zu sagen. In diesem "Report" aber findet man nichts davon. Das Buch enthält in bunter Mischung Klagen über den "Marktfundamentalismus" und Lobeshymnen auf das freie Unternehmertum, Kritik am amerikanischen Kongreß und ein Lamento über die Schwäche der Vereinten Nationen, inhaltsarme Forderungen nach Linderung der Armut oder Stärkung des Umweltschutzes und schließlich Trivial-Grundsätzliches über die Zukunft der Welt nach dem 11. September 2001.

          Die großen analytischen Schwächen sind indes nicht nur der erkennbaren Eile zuzuschreiben, mit der das Buch geschrieben wurde. Soros ist nach eigenen Angaben als Autor dieses "Reports" vor allem deshalb qualifiziert, weil er sich "schon seit geraumer Zeit für eine bessere Welt" einsetze. Sein Engagement für Freiheit und Demokratie, Marktwirtschaft und Toleranz, das er in einem ganzen Netzwerk von Stiftungen pflegt, wird niemand geringschätzen. Allein, guter Wille reicht nicht aus, um die Folgen der Globalisierung zu analysieren, und noch weniger reicht er aus, um sinnvolle Reformvorschläge zu unterbreiten.

          Das wird besonders mit Blick auf den Vorschlag deutlich, mit dem Soros im wahrsten Sinne des Wortes die Welt verbessern möchte. Er schlägt vor, die sogenannten Sonderziehungsrechte - das sind Währungsreserven, die der Internationale Währungsfonds (IWF) an seine Mitgliedstaaten ausgibt - für die "Auslandshilfe" (gemeint ist die Entwicklungshilfe) zu nutzen. Alle Länder sollen solche Rechte erhalten; die armen könnten damit ihre Währungsreserven aufstocken, die reichen sollen sie spenden, um auf der ganzen Welt Hilfsprogramme zu finanzieren, die privatwirtschaftlich (nach dem Vorbild von Soros' Stiftung) organisiert sein sollen. Ausgewählt und kontrolliert werden sollen diese Programme von einem Ausschuß "herausragender Persönlichkeiten" - der Leser ahnt schon, wer auf alle Fälle diesem Ausschuß angehören müßte.

          Ein wahrhaftiges Kaninchen zaubert Soros da aus dem Zylinder: Auf einmal wäre jede Menge Geld für die Entwicklungshilfe geschaffen, und zugleich wären all jene korrupten Politiker, die heute zu Unrecht von der staatlichen Hilfe profitieren, ausgebootet - schließlich sorgen die "herausragenden Persönlichkeiten" für eine gerechte Verteilung der Gelder.

          Zwei Fragen seien da erlaubt: Welche Folgen hätte diese Geldschöpfung für die Preisstabilität? Und: Wie und wodurch sind die "Persönlichkeiten" legitimiert? Denkt man Soros' Überlegungen zu Ende, so wäre ein anderer Vorschlag wohl noch konsequenter: Jegliche bisherige staatliche Entwicklungshilfe wird verboten, und statt dessen erhält George Soros eine Gelddruckmaschine, mit Hilfe derer er die ganze Welt mit Hilfsprogrammen beglückt.

          Es wäre besser gewesen, wenn sich der Autor jene Selbstbeschränkung auferlegt hätte, die er immerhin mit Blick auf die Lösung eines anderen Großproblems erkennen läßt, die Herstellung des Weltfriedens: "Wir brauchen hier einen völlig neuen Ansatz; mir fehlt jedoch das erforderliche Wissen, um einen konkreten Lösungsvorschlag zu machen."

          WERNER MUSSLER

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