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Rezension: Sachbuch : Wahnsinn ohne Methode

  • Aktualisiert am

Die Diktatur des Profits - Viviane Forrester wieder auf der letzten Bank

          Viviane Forrester: Die Diktatur des Profits. Carl Hanser Verlag, München 2001, 216 Seiten, 35 DM.

          Es ist schon selten, daß jemand, der zu Recht völlige Ahnungslosigkeit für sich geltend macht, mit einem Pamphlet in internationale Bestsellerlisten vorstößt. Noch seltener ist es freilich, daß dieser naive Jemand ein paar Jahre später mit einer gehörigen Dosis Chuzpe das schon Gehabte einfach nochmals wiederkäut - und abermals Verkaufsrekorde aufstellt. Das ist, offenbar, das Phänomen Viviane Forrester.

          Die bisher als Literaturkritikerin renommierter Zeitungen sowie als Schriftstellerin mit einer Van-Gogh-Biographie, einem Erinnerungsband aus den Jahren der nationalsozialistischen Okkupation Frankreichs sowie einer Handvoll mittelmäßiger Spionageromane hervorgetretene, inzwischen fünfundsiebzigjährige Autorin schreibt nunmehr wirtschaftspolitische Räuberpistolen. Vor vier Jahren warf die weder von ökonomischen Kenntnissen noch von besonderer rhetorischer Dialektik angekränkelte Französin ihre erste Kampfschrift "L'horreur économique" (auf deutsch zugespitzt zum "Terror der Ökonomie") auf den Markt und traf damit den Nerv eines verängstigten Publikums. Im vergangenen Jahr folgte dann der zweite Streich. Die Schrift "Une étrange dictature" kommt nun, mit beherztem Zugriff auf marxistisches Verunglimpfungsvokabular, unter dem Titel "Die Diktatur des Profits" in deutsche Buchläden.

          Ihre "ökonomischen", aus Antikapitalismus, wirren Verschwörungsphantasien und sich überschlagender, haßerfüllter Rabulistik zusammengestrickten Manifeste haben der Verfasserin trotz ihrer wirtschaftlichen Inkompetenz einen finanziellen Erfolg beschert, der ihr hochnotpeinlich sein muß. Denn die Botschaft, die sie in beiden Büchern nicht nur fast wortgleich, sondern auch von Seite zu Seite, Absatz zu Absatz, von Zeile zu Zeile in erbarmungsloser Redundanz wiederholt, ist nur die eine: Am Gewinnstreben geht die Welt zugrunde.

          Viviane Forrester schreibt gegen die von ihr allerorten diagnostizierte "Obsession" an, "dem widerstandslosen Spiel des Profits den Weg zu bahnen", gegen das "Gefallen am Anhäufen", das "Bereitschaft zu allen Verheerungen weckt . . ." Die Argumentation, falls man den unsachlichen Ergüssen die Ehre einer solchen Bezeichnung antun will, ist die folgende: Eine unheimliche, nicht klar zu ortende Macht regiere die Welt: der "Ultraliberalismus", der die Politik korrumpiere und die Wirtschaft verfremde. Das Meisterwerk aller Verschwörungen wider den Menschen und seine Würde sei indes die "Globalisierung", diese anonyme Kraft, der es sich ständig anzupassen gelte. "Allein ihr Name . . . schafft es, die Hegemonie eines politischen Systems, des Ultraliberalismus, zu tarnen."

          Diese nicht sichtbare, "alles in allem korporatistische Politik begnügt sich damit, die irrsinnigen Freizügigkeiten, die Anarchie einer Geschäftswelt und einer Marktwirtschaft, die in eine Wirtschaft der reinen Spekulation abgeglitten sind, zu stützen und zu banalisieren; die Deregulierungen und Produktionsverlagerungen sowie Kapitalfluchten für rechtmäßig zu erklären, eine geradezu religiöse Verehrung der Währungen ebenso auszuspielen wie deren Sabotage wie auch die Umleitung von Finanzströmen und mafiose Entwicklungen".

          Der "totalitäre", "barbarische", "wahnsinnige" - dieses Wort findet sich fast auf jeder Seite - Ultraliberalismus führe dazu, daß die Unternehmen nach maximalem Gewinn strebten. Dieser sei am besten zu erreichen, indem man alle Angestellten in Arbeitslosigkeit, Armut und Elend entlasse - unter dem Vorwand, die Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit gebiete dies. Worauf das Treiben der perfiden heimlichen Weltmacht letztlich zusteuere, sei gar ein neuer Genozid: die Beseitigung aller Arbeitslosen. Als wäre diese Formulierung nicht gerade aus der Feder einer Autorin jüdischer Abstammung schon pervers genug, hält Viviane Forrester noch ein unglaubliches Rezept gegen dieses Horrorszenario bereit. Im Rückblick auf den Nationalsozialismus wirkt es geradezu respektlos, wenn sie aufwieglerisch fordert, die Bevölkerung müsse aufstehen und in den "Widerstand" gehen. In sich widersprüchlich, verlangt sie, die Bürger müßten trotz ihres grundsätzlichen "Menschenrechts auf Arbeit" abrücken von der "religiösen Verehrung der Beschäftigung" - und dennoch die Regierungen dazu bringen, ihrer Verantwortung nachzukommen und den Unternehmen allfällige Entlassungen schlichtweg zu untersagen.

          Kritiker versucht Viviane Forrester mit einer wenig originellen Vereinnahmungstaktik mundtot zu machen: "Den Vorbetern des Liberalismus fällt es also leicht, achselzuckend oder mit spöttischer Miene ihre Gegner zu widerlegen, sie als beklagenswert provinziell hinzustellen, als lächerliche Menschen, die willenlos in ihrer Rückständigkeit verharren . . ." Stimmt. Wer schon den Fehler macht, sein Geld für dieses Elaborat auszugeben, wird es wohl nach nervenaufreibender Lektüre ebenso erbost aus der Hand legen wie:

          KAREN HORN

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