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Rezension: Sachbuch : Von Unternehmen und sozialen Kosten

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Das Vermächtnis des Ronald Coase in der Wirtschaftswissenschaft

          2 Min.

          Steven G. Medema (Herausgeber): The Legacy of Ronald Coase in Economic Theory. Edward Elgar Publishing, Aldershot 1995, 2 Bände, 1088 Seiten, 195 Pfund.

          Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften von 1991 ist einem besonderen Ökonomen verliehen worden. Ronald Coase, ein gebürtiger Engländer, der lange in Chicago gelehrt hat, ist - gemessen an dieser Ehrung - mit einem nur bescheiden anmutenden OEuvre hervorgetreten. Nur wenige Aufsätze stammen aus seiner Feder. Um so erstaunlicher ist das Ausmaß jener theoretischen Debatten, die Coase mit diesen wenigen Aufsätzen angeregt und geprägt hat. Kaum ein Student der Volkswirtschaft kann es sich heute leisten, Coase zu ignorieren.

          In seiner zweibändigen Sammlung "The Legacy of Ronald Coase in Economic Theory" hat Steven G. Medema (University of Colorado) die wesentlichen Artikel und die wichtigsten Meilensteine der Debatte der letzten zwei Jahrzehnte zusammengetragen. Sie liefert den Beweis, daß auch streng theoretische Ökonomie überaus spannend sein kann.

          Am Anfang steht der Aufsatz "The Nature of the Firm" von 1937. Coase erklärt darin etwas, was zunächst trivial erscheint, aber vor Coase den Ökonomen große Schwierigkeiten bereitet hat. Es ist die Antwort auf die Frage: Warum gibt es Unternehmen? Innerhalb von Unternehmen gilt der Preismechanismus nicht. Wenn aber der Markt mit dem Preismechanismus allein Effizienz garantiere, müsse es, theoretisch überspitzt formuliert, wirtschaftlicher sein, wenn Unternehmer für jeden einzelnen Brief von neuem eine preiswerte Sekretärin suchen, statt eine dauerhafte Anstellung einzurichten. Coase löst die Frage mit dem Hinweis, daß auch die Teilnahme am Preismechanismus des Marktes Kosten verursacht - sogenannte Transaktionskosten. Über ein Unternehmen kann der Unternehmer solche Kosten minimieren - jedoch nur, wenn außerhalb des Unternehmens tatsächlich der Preismechanismus regiert (das beweist, ganz nebenbei, warum Lenins Vision, den Staat wie ein Unternehmen zu organisieren, nicht hat funktionieren können). Zu den Ökonomen, die dieses Thema ausgebaut haben, gehört ein anderer Nobelpreisträger, Douglass North, der 1992 Coases Theorie des Unternehmens auf staatliche Institutionen ausdehnt. Auch in anderen Beiträgen des Bandes wird auf vielfältige Verwendungsmöglichkeiten der Coaseschen Transaktionskostenlehre hingewiesen.

          Umstritten bleibt Coases zweiter Beitrag zur Ökonomie, das sogenannte Coase-Theorem über das Recht und das Verursacherprinzip. In dem Aufsatz "The Problem of Social Cost" (1960) untersucht Coase dazu einen einfachen Rechtsfall. Eine Fabrik verursacht durch Luftverschmutzung Schäden bei den Bewohnern in der Nähe. Die traditionelle Antwort lautete, daß der Staat rechtlich gegen den verursachenden Fabrikanten vorgeht. Aber ist das auch die ökonomisch sinnvolle Antwort? Es handele sich, so meint Coase, um eine reziproke Frage. Es müßte die Lösung gefunden werden, die die wenigsten allgemeinen Kosten verursachte. Da auch durch Rechtsmaßnahmen Transaktionskosten entstünden, könnte ein "bargaining" zwischen Beteiligten für alle die beste Lösung sein - möglicherweise indem der Fabrikant den Umzug der Bewohner finanziell unterstützt.

          Obwohl hier der Staat selbst aus einem Kernbereich entlassen wird, hat Coases Theorem vor allem bei staatskritischen Marktwirtschaftlern Zweifel erweckt. Nobelpreisträger James Buchanan hat 1986 eingewendet, daß das Theorem nicht auf wettbewerbsfreie Bereiche anwendbar sei. Dieser Punkt sei aber wichtig, weil die auch bei Coase zugrundeliegende Festlegung von Eigentumsrechten wettbewerbsfrei abliefe, was die Effizienzkriterien zumindest verfälschen könnte, weil Menschen oft "simultan" wirtschaftlich im Sinne von Coase und politisch im Sinne der Manipulation von Regeln handelten. Coases Theorem sei ergänzungsbedürftig.

          Aber vielleicht macht gerade die Tatsache, daß Coase sein Theorem nicht in allen Aspekten fortentwickelt hat, den eigentlichen Reiz aus. Aus den Beiträgen - auch aus den kritischen! - läßt sich ablesen, wieviel die Ökonomie Ronald Coase verdankt. Ganze Denkrichtungen wie die in Deutschlands bisher kaum etablierte Rechtsökonomie verdanken ihm ihre Inspiration. Aber auch hierzulande fällt zumindest bei jeder halbwegs seriösen umweltökonomischen Diskussion der Name Ronald Coase. DETMAR DOERING (Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung, Bonn)

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