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Rezension: Sachbuch : Von den Erfahrungen anderer lernen

  • Aktualisiert am

Benchmarking ist in Deutschland bisher nur wenig entwickelt

          Joachim Lamla: Prozeßbenchmarking dargestellt an Unternehmen der Antriebstechnik. Verlag Franz Vahlen, München 1995, 206 Seiten, 75 DM.

          Kai Mertins/Gunnar Siebert/Stefan Kempf (Herausgeber): Benchmarking. Praxis in deutschen Unternehmen. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg/New York 1995, 168 Seiten, 78 DM.

          Jürgen Meyer (Herausgeber): Benchmarking. Spitzenleistungen durch Lernen von den Besten. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 1996, 188 Seiten, 68 DM.

          Ein neuer Import aus Amerika hat die deutschen Management-Etagen erreicht: Benchmarking. Dieser Ausdruck geht auf den Begriff des Benchmarks zurück - eines in der Topographie gängigen Fachausdrucks. Benchmarks sind Orientierungs-und Richtwerte, die für Messungen im Gelände erforderlich sind. Natürlich braucht auch jedes Unternehmen Orientierungs-und Richtwerte - vor allem dann, wenn es sich in schwierigem Markt- und Wettbewerbsgelände bewegen und behaupten muß. Benchmarks werden durch Kunden oder Wettbewerber vorgegeben. Sie müssen erreicht werden, damit das Unternehmen im Konzert der Besten einer Branche mithalten kann. Der Anspruch des Benchmarkings geht über den des in Deutschland seit Jahrzehnten bekannten Betriebsvergleichs weit hinaus. Benchmarking erfordert, daß sich die Unternehmen an den Besten ihrer Branche oder auch an branchenfremden Unternehmen messen, die Spitzenleistungen bei einzelnen betrieblichen Prozessen (Logistik, Produktentwicklung) erbringen. Die Benchmarking-Anwender sollen von den Spitzenunternehmen - sofern sich diese identifizieren lassen - lernen (oder von diesen die "best practices" in intelligenter Weise nachahmen). Benchmarking bietet sich natürlich auch in Konzernen an. Hier sind die Anwendungsvoraussetzungen besonders günstig. Ein mit gutem Erfolg praktiziertes Konzept des Benchmarkings ist in den Vereinigten Staaten von der Xerox Corporation entwickelt worden.

          Die Autoren der hier genannten Bücher setzen sich in grundlegender Weise mit Benchmarking auseinander. Joachim Lamla betrachtet den spezifischen Aspekt des Benchmarkings von Geschäftsprozessen. Der Leser erfährt viel Grundsätzliches über Begriff und Methodik des Benchmarkings; er wird an den in der Fachliteratur ausgeblendeten unternehmensübergreifenden Vergleich von internen Geschäftsprozessen herangeführt - mit dem Ziel, auf diese Weise "best practices" zu identifizieren. Die Arbeit ist als systematischer, wohlfundierter Aufriß mit praxisrelevanten Lösungshinweisen zu werten. Erfreulich ist die Tatsache, daß der Autor die von ihm sorgfältig entwickelte Konzeption des Prozeßbenchmarkings in einigen Unternehmen der Antriebstechnik auf ihre Realisierbarkeit getestet hat und die dabei gewählte Vorgehensweise sowie die erreichten Ergebnisse in gut nachvollziehbarer Weise dokumentiert.

          Ein interessantes Sammelwerk haben Kai Mertins, Gunnar Siebert und Stefan Kempf (alle Fraunhofer Gesellschaft, Berlin) herausgegeben. Der Band, an dem dreizehn Autoren mitgewirkt haben, bietet einen Einblick in die (ansatzweise vorhandene) Benchmarking-Praxis in einigen in Deutschland ansässigen Unternehmen. Weit scheinen die berichtenden Unternehmen bei ihren Benchmarking-Bemühungen allerdings noch nicht gediehen zu sein, konzentrieren sich die Beiträge doch auf generelle methodische Fragen der Verwirklichung von Benchmarking. Die inhaltliche Ausfüllung mit konkreten Benchmarks für den von den Herausgebern propagierten branchenübergreifenden Vergleich mit den Besten und ebenso die Vorstellung von "best practices" kommen leider etwas zu kurz.

          Mit hohen Erwartungen liest man Jürgen Meyers Sammelband (der Autor hat sich früher als Unternehmensberater unmittelbar mit Benchmarking beschäftigt). Man stößt auf eine Reihe interessanter Einzelbeiträge, in denen deutsche Unternehmen zu Wort kommen, die schon erste Erfahrungen - mehr ist es auch hier nicht - mit Benchmarking gesammelt haben. Die Beiträge bleiben - im Hinblick auf Hinweise zur konkreten Verwirklichung von Benchmarking - etwas an der Oberfläche.

          Die drei Schriften machen eines deutlich: Benchmarking ist in Deutschland noch jung und wenig entwickelt. Die Unternehmen tasten sich vorsichtig an dieses Thema heran. In der Tat fehlen in Deutschland noch viele Voraussetzungen für ein brancheninternes und auch ein branchenübergreifendes Benchmarking. Nicht zuletzt spielt hier auch die Befürchtung der Unternehmen eine Rolle, durch Benchmarking, das eine Offenlegung von internen Daten und Prozessen voraussetzt, könnten Wettbewerber zu viele unerwünschte Einblicke gewinnen. Obwohl Benchmarking in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt, dürfte es sich lohnen, sich hiermit in seriöser Weise weiter zu befassen. Wem hierzu noch das letzte Quentchen Motivation fehlt, dem sei empfohlen, über das folgende, von Jürgen Meyer aufgegriffene Zitat des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck einmal nachzudenken: "Nur ein Idiot glaubt, aus den eigenen Erfahrungen zu lernen. Ich ziehe es vor, aus den Erfahrungen (auf neuhochdeutsch: ,best practices') anderer zu lernen, um von vornherein eigene Fehler zu vermeiden." Kann man die (anscheinend doch nicht ganz so neue) Idee des Benchmarkings besser auf den Punkt bringen? ROBERT FIETEN

          (Betriebswirtschaftliches Institut für Organisation und Automation an der Universität zu Köln)

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