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Rezension: Sachbuch : Vom Goldstandard bis Bretton Woods

  • Aktualisiert am

Hundert Jahre Versuche, Geld und Währung international zu ordnen

          3 Min.

          Jaime Reis (Herausgeber): International Monetary Systems in Historical Perspective. Macmillan Press/St. Martin's Press, London/New York 1996, 288 Seiten, 50 Pfund.

          Die Versuche, die nationale Geld- und Währungspolitik einzuschränken und eine internationale Geld- und Währungsordnung zu schaffen, reichen weit in die Vergangenheit zurück. Einige Historiker sehen schon die großen Messen und Märkte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit als einen Versuch der Vereinheitlichung. Konkrete Vorstellungen über ein internationales Geld- und Währungssystem sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt.

          Jaime Reis, Mitarbeiter des Instituto de Ciencias Sociais an der Universität Lissabon, hat nun einen Sammelband herausgegeben, in dem sich Währungsexperten in elf Essays verschiedenen Fragen der internationalen Geld- und Währungspolitik widmen. Die Perspektive ist historisch: Vom Goldstandard des 19. Jahrhunderts über verschiedene Versuche, internationale Währungssysteme auf regionaler Ebene zu schaffen, bis hin zum System von Bretton Woods reicht die Spannweite der Aufsätze. Das Fazit der Arbeiten - nimmt man ihre Ergebnisse zusammen - ist recht eindeutig: Die wichtigsten Versuche, die Währungspolitik in einem mehr oder weniger umfassenden System zu ordnen, seien über weite Strecken durchaus erfolgreich gewesen. Das gelte vor allem für den Goldstandard, das System von Bretton Woods und das Europäische Währungssystem. Die Autoren beschäftigen sich aber auch mit weniger beachteten Organisationen, wobei insgesamt ein recht umfassendes Bild der internationalen Währungssysteme der vergangenen hundertfünfzig Jahre entsteht.

          Im ersten Beitrag wird der Goldstandard in jenen Phasen geschildert, in denen das System gefährdet gewesen ist (C. Knick Harley). Stephan E. Oppers gibt dann einen Überblick über die Forschungen zur Theorie der bimetallischen Währungsbindung; er bemüht sich dabei um eine (zumindest teilweise) Rehabilitation des Ende des 19. Jahrhunderts zugunsten des Goldstandards aufgegebenen Gold-Silber-Standards. Besonders interessant sind die Arbeiten, die sich mit währungspolitischen Zusammenschlüssen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befassen. Gerade heute, wo die Frage die Diskussion bestimmt, welcher Grad der Vereinheitlichung im politischen und wirtschaftlichen Bereich einer Währungsunion vorausgehen muß, kann ein Blick in die Vergangenheit aufschlußreich sein - wenn man sich, was die Autoren wie der Herausgeber zu Recht immer wieder anklingen lassen, auch vor allzu leichtfertigen Analogien hüten sollte. Die Union latine (offiziell eigentlich Convention de 1865) zwischen Belgien, Frankreich, Italien und der Schweiz - später hat sich noch Griechenland angeschlossen - ist ein gutes Beispiel für den Zweck und die Funktionsweise solcher regionaler Systeme. Marc Flandreau erörtert in seinem Beitrag auch den politischen Charakter der Währungsunion. Politische Entscheidungen hätten ebensoviel zur Entwicklung beigetragen wie wirtschaftliche Überlegungen. In den folgenden Arbeiten wird die zwischen 1875 und 1914 bestehende Skandinavische Währungsunion ebenso erörtert (Ingrid Henriksen und Niels Kærgård) wie die Zusammenarbeit der Zentralbanken in der Zwischenkriegszeit (Marcello de Cecco), vor allem aus Sicht der Staaten der europäischen Peripherie: Italien, Belgien und den Niederlanden.

          Großen Raum nimmt das System von Bretton Woods ein - das wohl ehrgeizigste Projekt dieser Art. Aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung untersuchen Alan S. Milward, Michael D. Bardo und andere Autoren zentrale Aspekte des Systems. Frankreich und Portugal werden in besonderer Weise berücksichtigt. Forrest H. Capie und Geoffrey E. Wood beschäftigen sich am Beispiel der Einrichtung eines Lender of Last Resort mit der Frage, in welchem Maße in diesem Zusammenhang nationale Erfahrungen überhaupt auf die internationale Stufe übertragen werden können. Die negativen Folgen der Einführung einer Parallelwährung (tchernovetz) zum inflationsgeschüttelten Rubel im sowjetischen Währungssystem der zwanziger Jahre und deren Ursachen behandelt Pierre L. Siklos. Den Abschluß der Aufsatzsammlung bildet ein Beitrag von John R. Presley und David T. Llewellyn über die Voraussetzungen, die hierarchisch geordnete, zumeist von Hegemonialstaaten gesteuerte (versus marktgesteuerte) Währungssysteme erfüllen müssen, um Stabilität zu gewähren. Auch dieses ein Thema von fast tagespolitischer Brisanz.

          Die Aufsätze mögen (auch) dazu beitragen, die Debatte über die Schaffung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion zu versachlichen - ist doch dieses Projekt der bisher letzte und ebenfalls ehrgeizige Versuch, einem großen Wirtschaftsraum eine einheitliche Währung zu geben. Reis argumentiert zu Recht am Ende seiner Einführung zu den einzelnen Arbeiten: Die Geschichte der internationalen Währungssysteme zeigt nicht nur die Kontinuität damit verbundener Schwierigkeiten. Sie kann auch dazu beitragen, Lösungsvorschläge für die Zukunft zu erarbeiten. DIETMAR HERZ

          (Privatdozent am Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft der Universität München)

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