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Rezension: Sachbuch : Verblüffende ökonomische Einsichten

  • Aktualisiert am

Ferdinando Galianis Meisterwerk "Della Moneta" in deutscher Sprache

          Werner Tabarelli: Ferdinando Galiani "Über das Geld". Mit einem Geleitwort von Francesco Cossiga. Verlag Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 1999, 476 Seiten. 128 DM.

          Was soll man davon halten, wenn ein dreiundzwanzig Jahre junger und ungezogener Studiosus, ein Neapolitaner zumal, also ein Mitglied des "verabscheuungswürdigsten Pöbels, ja des ekelhaftesten Ungeziefers, das die Erde je heimgesucht hat" (Charles de Brosses, französischer Historiker und Italienkenner, 1709 bis 1777), sich hinsetzt und ein langes Werk über das Geld schreibt? Dabei herausgekommen ist ein "klassisches Werk der italienischen Literatur" (Luigi Einaudi), "ein herausragendes Buch" (Friedrich A. von Hayek), geschrieben von "dem glänzendsten aller Nationalökonomen" (Lujo Brentano), der damit, wie auch der französische Ökonom Charles Rist meinte, weitaus höher einzuschätzen sei als Adam Smith. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Werk des Wunderknaben außerhalb seines Heimatlandes dennoch weitgehend in Vergessenheit geraten, auch wenn deutschsprachige Dogmenhistoriker wie Joseph A. Schumpeter und Gerhard Stavenhagen den Italiener in ihren Standardwerken erwähnen.

          Ferdinando Galiani (1728 bis 1787) verbrachte die meiste Zeit seines Lebens als Priester, Schriftsteller und Politiker im heimatlichen Neapel, lediglich unterbrochen von einem nahezu zehnjährigen Aufenthalt als Diplomat in Paris. Sein unattraktives Äußeres suchte er durch auffälliges Gehabe zu kompensieren. Ein Zeitgenosse urteilte, Galianis Hang, nie ein geistreiches Wort ungesagt zu lassen, habe ihn mitunter zu rüder Anzüglichkeit veranlaßt, was ihm viele Feinde eingetragen habe. In jedem Fall ist der Neapolitaner nicht unbemerkt geblieben, denn noch lange nach seinem Tod hat ihn Friedrich Nietzsche als den "tiefsten, scharfsinnigsten und vielleicht auch schmutzigsten Menschen seines Jahrhunderts" bezeichnet. Galiani verfügte über ein ansehnliches Einkommen, das er unter die Leute zu bringen verstand.

          Das 1751 in Neapel anonym erschienene Werk "Della Moneta" sorgte in seinem Heimatland seinerzeit für große Aufregung. Die Schrift enthielt eine selbstbewußt und mit Elan geschriebene Geschichte des Münzgeldes, aus der Galiani Erkenntnisse für die Geldpolitik im besonderen und die Wirtschaftspolitik im allgemeinen zog. Freilich handelte es sich um ein Buch seiner Epoche, in der die Menschen offenbar über viel Zeit zur Lektüre verfügten. "Della Moneta" entspricht somit nicht dem modernen Typus des nüchternen und kompakten Sachbuchs ohne literarischen Anspruch. Statt dessen erzählte Galiani Geschichte und Politik, angereichert durch Blitze verblüffender ökonomischer Einsichten und Lebensweisheiten, die einem erst dreiundzwanzig Jahre alten Autor eigentlich noch fremd sein sollten. Auch wenn das Buch etwas breit geraten ist, fehlt ihm doch jene Weitschweifigkeit, die zum Beispiel Adam Smith' berühmter "Wohlstand der Nationen" kennzeichnet.

          Nun kann eine von der Forschung der vergangenen zweihundertfünfzig Jahre in Teilen revidierte Geschichte des Münzwesens einen zeitgenössischen Ökonomen kaum beeindrucken. Aus heutiger Sicht besticht Galianis Arbeit vor allem durch seine Andeutungen ökonomischer Erkenntnisse, die erst spätere Generationen umfassend formuliert haben. Seine Feststellung, der Wert eines Gutes bemesse sich nach seiner Wertschätzung durch die Menschen, weist auf die subjektive Wertlehre hin, deren Erforschung üblicherweise erst auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datiert wird. In seiner wirtschaftspolitischen Analyse hat sich Galiani gegen die zu seiner Zeit populäre Lehre der Merkantilisten gewandt, für die ökonomischer Reichtum in der Ansammlung edler Metalle bestanden hat.

          Der Italiener spricht sich gegen Manipulationen des Geldwertes durch die Regierungen aus; außerdem sieht er in einer vernünftig organisierten Staats- und Rechtsordnung eine Voraussetzung für ein gedeihliches Wirtschaftsleben. Nachdem in der Klassiker-Edition des Verlags Wirtschaft und Finanzen das in italienischer Sprache geschriebene Original schon Mitte der achtziger Jahre neu aufgelegt worden ist, stellt der gleiche Verlag nun eine mit zahlreichen Anmerkungen und schönen Illustrationen ausgestattete deutsche Übersetzung des Hauptwerks Galianis vor, für die der österreichische Ökonom Werner Tabarelli verantwortlich zeichnet. Galiani ist sicherlich nicht "der Geldtheoretiker des 21. Jahrhunderts", als den ihn der Verlag in seinem Waschzettel darstellt. Aber der Italiener hat ein interessantes Werk hinterlassen, dessen Lektüre Gewinn und Vergnügen stiftet.

          GERALD BRAUNBERGER

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