https://www.faz.net/-gqz-3hub

Rezension: Sachbuch : Schock mit heilender Wirkung

  • Aktualisiert am

Als am 11. März 1985 Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde, mischte sich Anders Åslund unter die Leute. Er war damals wirtschaftswissenschaftlicher Experte der schwedischen Botschaft in Moskau und suchte als begeisterter empirischer Wirtschaftsforscher stets den Kontakt zu den Menschen.

          Als am 11. März 1985 Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde, mischte sich Anders Åslund unter die Leute. Er war damals wirtschaftswissenschaftlicher Experte der schwedischen Botschaft in Moskau und suchte als begeisterter empirischer Wirtschaftsforscher stets den Kontakt zu den Menschen. Er fragte die Moskowiter, was ihrer Meinung nach Wichtiges passiert sei. "Die Gurken sind endlich angekommen", anworteten die Menschen. Der Wechsel an der Staatsspitze kümmerte sie nicht. Davon erwarteten sie keinen Fortschritt.

          Diese deprimierende Aussichtslosigkeit ist heute fast vergessen - zumindest im Baltikum, den Staaten Zentraleuropas und auch in weiten Teilen Rußlands. In seinem Buch hält es Anders Åslund für geboten, auf den ersten Seiten zu rekapitulieren, was für ein irrwitziges System einst über mehr als 400 Millionen Menschen herrschte. Daß der "Kommunismus eine Welt der Lügen war", in der zur gleichen Zeit Mangel (im Konsum) und eine absurde Gigantomanie (im Militär) herrschte. "Terror und Kleptokratie", schreibt Åslund, waren Kennzeichen der Kommandowirtschaft. Es wundert nicht, daß nach dem Zusammenbruch des kommunistisch-kleptokratischen Regimes zunächst überall die Kriminalität emporschoß.

          Wie diese war laut Åslund auch der Niedergang der Produktion nicht eine Folge der Transformation, sondern eine der Spätwirkungen des Kommunismus: "The alleged misery in postcommunist transformation is primarily the delayed revelation of the true costs of communism." Der von vielen Ökonomen behauptete "dramatische Zusammenbruch des Outputs" sei ein "Mythos". Einer der Ökonomen, die Åslund direkt kritisiert, ist Joseph Stiglitz, der jüngst als Globalisierungskritiker einen Bucherfolg landen konnte. Sein "originellster Beitrag" zur Transformationsdebatte sei das "Ignorieren" der tiefen makroökonomischen Krise am Ende des Kommunismus gewesen. Wie andere Ökonomen plädierte auch Stiglitz für "graduelle" Reformen: Diese würden weniger soziale Folgekosten verursachen. "Radikal" marktwirtschaftlich orientierte Reformer nannte Stiglitz "Markt-Bolschewiken".

          Åslund, der umfangreiches empirisches Material zusammengetragen hat, widerspricht hartnäckig. Ob bei der Liberalisierung von Preisen und Handel, der Privatisierung oder der monetären Stabilisierung - stets lautet seine Schlußfolgerung: "The more radical and comprehensive the initial reforms has been, the greater the economic success." Kein Land habe wegen zu radikaler Reformen gelitten. Überall dort aber, wo man Unternehmen nur graduell privatisiert hat, weil man vermeintliche "Schockwirkungen" vermeiden wollte, nutzte besonders die überall noch gut etablierte Nomenklatura diese Übergangsphasen. Die alten Kommunisten machten gemeinsam mit den neuen Kriminellen (bisnismeny) fette Geschäfte.

          Diese Profiteure ("rent seekers") schadeten der wirtschaftlichen und der demokratischen Entwicklung ungleich mehr als die sogenannte Schocktherapie, wie sie Leszek Balcerowicz den Polen verschrieb. Der Schock war zwar anfänglich groß und ging einher mit sozialen Verwerfungen. Doch diese waren rasch überwunden. Vor allem aber konnten sich die "rent seekers" nicht wie die Maden im Speck einrichten. Abschreckendes Beispiel für eine gescheiterte Transformation ist Weißrußland.

          Nach zwölf Jahren Transformation findet es Åslund noch zu früh, abschließende Antworten über diesen historisch einmaligen Prozeß zu geben. Eindeutig und eindrucksvoll aber zeichnet er die besseren und die schlechteren Transformationsstrategien nach. Zu den Gewinnern dieser Entwicklung zählen jene, die sich dem Schock stellten: die Länder Zentraleuropas und des Baltikums. Rußland aber, wo heute die Menschen nicht mehr sehnsüchtig auf Gurken warten müssen, hat noch einen Gutteil des Weges vor sich.

          JENS POTTHARST

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der radikale Konzernumbau der Deutschen Bank führt zu Milliardenverlusten im zweiten Quartal 2019.

          In drei Monaten : Die Deutsche Bank macht 3,1 Milliarden Euro Verlust

          Das größte und wichtigste deutsche Kreditinstitut will und muss sich radikal verändern. Die Belastungen durch den Umbau des Konzerns führen zu tiefroten Zahlen. Besonders betroffen ist die einst bedeutendste und berüchtigtste Sparte des Unternehmens.

          Anhörung von Robert Mueller : Der unfreiwillige Zeuge

          Ende März präsentierte Sonderermittler Robert Mueller seinen Bericht zur möglichen Wahlkampf-Affäre Trumps aus dem Jahr 2016. Jetzt muss er dazu im Kongress aussagen. Donald Trump spielt den Termin herunter, als sei es eine reine Formalität.
          Donald Trump gratuliert am Dienstagabend dem neuen amerikanischen Verteidigungsminister Mark Esper.

          Amerikas Verteidigungsminister : Ein Mann der Truppe

          Mark Esper ist mit überwältigender Mehrheit im Amt des amerikanischen Verteidigungsministers bestätigt worden. Die Gegenstimmen kamen im Senat vor allem von demokratischen Wahlkämpfern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.