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Rezension: Sachbuch : Runde Tische und lange Bänke

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Bild: Econ

Nach der Lektüre von Hans-Olaf Henkels „Ethik des Erfolgs“ müsste der Leser eigentlich denken: "Armes Deutschland."

          2 Min.

          "Die Wissenschaft von der Freiheit heißt Ethik oder auch Sittenlehre", heißt es bei Immanuel Kant. Wer also über Ethik schreibt, wird zum Moralisten und zum Philosophen. Beides zu sein, diesen Anspruch erhebt Hans-Olaf Henkel, der frühere BDI-Präsident und heutige Präsident der Leibniz-Gesellschaft, gewiß nicht. Wohl aber erhebt er den Anspruch, als Pragmatiker die Welt ohne ideologische Scheuklappen zu sehen und einen Beitrag zu einer, wie er es nennt, "praktischen Ethik" zu legen, in welcher der Erfolg eben kein Gegensatz (wie viele glauben) zur Ethik ist. Was ihm bei dieser betrachtenden und analysierenden Reise durch die Gegenwart aufgefallen ist, hat er aufgeschrieben, in seinem neuen Buch mit dem Titel "Die Ethik des Erfolgs".

          Legt man das Buch nach der Lektüre von 293 Seiten beiseite, müßte der Leser eigentlich denken: "Armes Deutschland." Denn die Tatsache, daß Deutschland besonders in wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hinsicht immer weiter ins Abseits schlingert, hat Gründe. Diese benennt Henkel in immer neuen Varianten, ausgehend von der Grundthese: Eine Marktwirtschaft, die sich frei entwickeln kann und den Menschen in seiner Freiheit beläßt, führt zur Demokratie und fördert die Menschenrechte. Gleichmacherei aber erreicht das Gegenteil, sie ist der wahre Grund für individuelle Ungerechtigkeit.

          Stilistisch arbeitet Henkel - durchweg in der Ich-Form schreibend - mit einer Mischung aus eigenen Erlebnissen und kommentierenden Bemerkungen. Darin liegt der Reiz des Buches; die Spannung bleibt für den Leser bis zur Schlußseite erhalten. Henkel entwickelt auch gar keine abstrakte Ethik-Theorie, sondern erzählt einfach Geschichten aus dem Alltag, die man in ihrer Reihung und Häufung kaum glauben mag - gleichwohl sie jeder so erlebt.

          Immer wieder sind es die Politiker, die Vertreter von Verbänden und Gewerkschaften, denen er vorwirft, notwendige Reformen nicht wirklich anzupacken. Was entsteht, ruht im Sinne von Leibniz auf einer Art "prästabilierten Harmonie". Da werden "runde Tische" eingesetzt, die zur "langen Bank" verkommen, um nach Henkels Meinung "der Politik die Verantwortung abzunehmen, Entscheidungen treffen zu müssen". Als Folge wird vieles zerredet und "zerwaltet: Man verwaltet ein Problem so lange, bis es sich in Akten aufgelöst hat."

          Ob es das schlechte Ansehen der Unternehmer in weiten Teilen der Bevölkerung ist, getragen vom Neid, ob es der bedauernswerte Zustand des deutschen Bildungssystems ist, das im Laufe vieler Jahre immer stärker verflacht ist: Das Ziel, größtmögliche Gleichheit zu erreichen, unter anderem durch die Abschaffung von Eliten, führte ins Abseits. Die Pisa-Ergebnisse lassen grüßen.

          Nun existiert aber dieses Land in einer globalisierten Gesellschaft und muß sich dem Wettbewerb stellen, gewollt oder ungewollt. Henkel begreift diese Globalisierung als Chance, nicht als Bedrohung der ach so schönen heilen deutschen Welt. Schließlich bietet die Globalisierung beispielsweise mittelständischen Betrieben neue Zugänge zu den Märkten über den Weg des Internet - Henkel erwähnt den Aufstieg Finnlands, das solcherlei neue Chancen genutzt hat. Was aber geschieht hierzulande? "Der Klassenkampf, diese ideologische Schimäre des 19. Jahrhunderts, wird in unseren modernen Unternehmen immer neu inszeniert", stellt Henkel fest. Deutschland blockiert sich selbst.

          Mag manch einem dies zu pointiert sein. Im Grundsatz jedoch hat Henkel recht: Es fehlt dem Land an Motivation, an Wettbewerb, "vor allem an einer Ethik, der es um die Entwicklungsfähigkeit der Menschen geht". Ethik hat mit dem Begriff des Sollens, des Handelns zu tun. Doch das Sollen setzt, nach Kant, das Können voraus. Dieses herzustellen ist vornehmliche Aufgabe der Politiker. Ihnen sollte man Henkels Buch in die Hand drücken. Auf daß das murrende Volk seinen Vertretern mit Henkels Schlußfrage entgegentritt: "Worauf warten wir noch?"

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