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Rezension: Sachbuch : Reichtum durch Globalisierung

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Die Position des klassischen Liberalismus

          Razeen Sally: Classical Liberalism and International Economic Order. Studies in Theory and Intellectual History. Routledge Advances in International Political Economy. Routledge London/New York 1998, 226 Seiten, 50 Pfund.

          Der Markt ist, nach einem Wort Friedrich A. von Hayeks, jene Ordnung, in welcher auch schlechte Menschen am wenigsten Unheil anrichten können. Für den Produzenten bedeutet er Zwang, für den Konsumenten Freiheit. Deshalb ist der Liberalismus die Legitimation des Kapitalismus. Es ist kein Zufall, daß die heutigen Antikapitalisten gegen den Neoliberalismus polemisieren - nur, daß sie beide Ordnungen mißverstehen.

          Razeen Sally, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der London School of Economics (LSE), hat ein ungewöhnliches und zugleich außerordentlich anregendes Buch über den klassischen Liberalismus geschrieben: Ungewöhnlich ist die Darstellung, die eher an den Stil deutscher oder französischer Geistesgeschichte erinnert als an den Typus angelsächsischer Analytik. Anregend ist, daß das Buch zugleich auf mehreren Interessen- und Verstehensebenen zu lesen ist: Als ein Lehrbuch gibt es anhand von ausgewählten klassischen Positionen Antwort auf die Frage, was Liberalismus ist. Als systematisches Buch nimmt es Stellung zu aktuellen Fragen der Globalisierung und der allgegenwärtigen Sorge, daß die Öffnung der Märkte und die Vernetzung der Handelsbeziehungen alle Akteure in eine Abwärtsspirale reißen könnten. Als Theorie der politischen Ökonomie schließlich artikuliert der Autor in seinem Buch Sympathie für die Überlegenheit und den größeren Realitätssinn des klassischen Liberalismus gegenüber den Entwürfen der Neoklassik, der Rational Choice und des neoliberalen Institutionalismus.

          In fünf prägnanten historischen Studien präsentiert Sally die Position des klassischen Liberalismus: Auf eine Darstellung der schottischen Aufklärung (Adam Smith und David Hume) folgen Frank Knight, der Begründer der Chicago-Schule, Jakob Viner, einflußreicher amerikanischer Systematiker der Jahrhundertmitte, der deutsche Ordoliberalismus (Walter Eucken und Wilhelm Röpke), schließlich Jan Tulmin, tschechischer Ökonom und Leiter der Forschungsabteilung des Gatt in den achtziger Jahren. Gemeinsam ist all diesen Positionen, daß sich sich gegen interventionistische Regierungen, aufgeblähte Wohlfahrtsstaaten und korporatistische Arrangements stemmen - Ausdrucksformen einer gemischten Wirtschaft, aber nicht eines freien Marktes. Anders als in der Neoklassik handelt es sich aber nach Sally dabei um realistische Konzeptionen menschlichen Wirtschaftens, die niemals künstlich die mathematische Rationalität des nutzenmaximierenden Homo oeconomicus oder eine theoretische Fixierung auf mathematische Gleichgewichte zugrunde legen müßten. Statt dessen gehe der klassische Liberalismus von unvollständigem Wettbewerb und unzureichendem Wissen aus und setze auf das Entdeckungsverfahren einer Evolution der Ordnungen. Da er auf der Annahme einer Freiheit unter Regeln und Gesetzen basiere, habe er auch nichts zu tun mit dem Gemeinplatz des Laisser-faire, den man ihm unterstelle. Hayek liefert ohne Zweifel den Faden der Deutung in Sallys Buch; das mag der Grund dafür sein, warum Hayek selbst kein eigenes Kapitel gewidmet worden ist.

          Aus Smith und Hayek bezieht Sally seine Antworten auf die Fragen, die eine internationale Wirtschaftsordnung stellt. Der Nationalstaat werde durch die Globalisierung nicht geschwächt, freilich gezwungen, endlich für Wettbewerb innerhalb seiner Grenzen zu sorgen. Die internationale Arbeitsteilung, jedem Merkantilismus überlegen, steigere den Reichtum und das Wissen aller Nationen, lege aber auch an den Tag, daß die Neigung zum Protektionismus nur die Kehrseite der Umverteilungslust des Wohlfahrtsstaates sei. Das nicht erst neuerdings in Mode gekommene Rezept einer Mischung von "Keynes zu Hause und Adam Smith jenseits der Grenzen" lasse sich nicht mehr durchhalten. "Eine liberale internationale Wirtschaftsordnung beginnt - wie die Nächstenliebe - zu Hause" (Wilhelm Röpke). Nicht Regulierung der internationalen Beziehungen, sondern Deregulierung der nationalen Märkte heißt laut Sally die Lehre der Liberalen.

          Seinen Gewährsleuten folgend, spricht Sally sich für einseitige und zuvorkommende Liberalisierung eines Landes aus, die der gängigen Vorstellung der Reziprozität und zwischenstaatlichen Verhandlungskooperation überlegen sei. Denn die Gefahr und damit die Kosten auch des internationalen Staatsversagens seien höher als die des Marktversagens, ganz abgesehen von den Fallen des Gefangenendilemmas, dem alle internationalen Institutionalisten nicht entrinnen könnten. Einseitige Liberalisierung setze dagegen auf Vorbildwirkung und gutes Beispiel, lade zu Nachahmung ein und lege das spontane Prinzip von Versuch und Irrtum anstelle koordinierter Verhandlungen zugrunde. Sallys empirischer Beweis lautet: Einseitig, ohne internationale Rückversicherung haben Amerika und Großbritannien in den achtziger Jahren begonnen, ihre Finanzmärkte, Telekommunikation und Energieversorgung zu liberalisieren. Den Erfolg spiegelten alle makroökonomischen Daten, nicht zuletzt die der Arbeitsmärkte. Wer sich dem Vorbild angeschlossen habe, dem sei kein Schaden entstanden. Einseitige Liberalisierung setzt auf den institutionellen Wettbewerb. Für David Hume genügt deshalb die Liebe zum Vaterland, werden doch die daraus folgenden Handlungen zum Wohle aller gereichen. RAINER HANK

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