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Rezension: Sachbuch : Ökonomie für den Menschen

  • Aktualisiert am

Individuelle Freiheit als Selbstzweck und Voraussetzung für Entwicklung

          3 Min.

          Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. Carl Hanser Verlag, München 2000, 424 Seiten, 45 DM.

          Wenn es um die Vereinbarkeit von Wirtschaft und Moral geht, bieten sich zwei klassische Antworten an: Nein oder Ja. Entweder man erkennt keinerlei mögliche Verbindung zwischen den Regeln kühlen Rechnens und den Rufen heißer Herzen - dann reist man unbeschwert nach Seattle, Davos oder Prag, um dort im scheinheilig sozial motivierten Kampf gegen den globalen Kapitalismus Fensterscheiben einzuwerfen. Oder man definiert das Problem einfach weg und hält die Marktwirtschaft auch ganz "ohne Attribute" schon deshalb für moralisch, weil sie effizienter ist als die anderen Wirtschaftsformen.

          Es gibt zum Glück aber auch differenziertere Ansätze in der Wirtschaftswissenschaft. Einen versöhnlichen Weg jenseits aller ideologischen Minenfelder beschreitet Amartya Sen, Träger des Nobel-Gedächtnispreises von 1998. In seinen Schriften rückt der Aspekt der Freiheit in den Mittelpunkt. Dabei vollführt Sen einen eleganten begrifflichen Spagat, indem er den aktiven Sozialstaat nicht nur als moralisch wünschenswert, sondern zugleich als Element der individuellen Grundfreiheiten definiert - und somit als Voraussetzung für eine gedeihliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Damit meidet er jeden kollektivistisch eingefärbten, die Freiheitsrechte bedenkenlos preisgebenden Umverteilungsfuror ebenso wie den scheinbaren Zynismus mancher Liberaler, die mehr an universalisierbaren Spielregeln interessiert sind als an einem - wie auch immer definierten - sozial gerechten Ergebnis des wirtschaftlichen Miteinanders.

          Das Werk ist aus einer Reihe von sechs Vorlesungen hervorgegangen, die Sen vor der Weltbank in Washington gehalten hat - wobei er im Vorspann ohne zu triumphieren einräumt, die Weltbank habe nicht immer zu den von ihm besonders geschätzten Organisationen gezählt. Auch wenn die Vorlesungen überarbeitet und in zwölf Kapitel untergliedert worden sind - eine glückliche Zusammenfügung ist durch das Aneinanderreihen nicht entstanden. Bedauerlicherweise fehlt dem Buch der rote Faden, und die häufigen Redundanzen sind nur deshalb so gut zu ertragen, weil man all das Kluge, was Sen vorträgt, gar nicht oft genug sagen und lesen kann.

          Seine Grundthese ist klar und einfach: Entwicklung stellt nichts anderes dar als einen Prozeß der Erweiterung realer Freiheiten, weit über die Beseitigung rein wirtschaftlicher Not hinaus. Sie setzt voraus, daß die Hauptursachen von Unfreiheit beseitigt werden: nicht nur Armut und fehlende wirtschaftliche Chancen, sondern auch Despotismus und totalitäre Kontrolle, systematischer sozialer Notstand, vernachlässigte öffentliche Einrichtungen und gesellschaftliche Intoleranz. Ökonomische Unfreiheit in Form extremer Armut könne einen Menschen zum hilflosen Opfer der Verletzung auch anderer Arten von Freiheit machen, schreibt Sen in Erinnerung an Kader Mia, einen Freund seiner Familie aus Dhaka (Bangladesh), der in einem Stadtviertel ermordet wurde, das er gemieden hätte, wenn er sich nicht dort als Tagelöhner hätte verdingen müssen. "Wirtschaftliche Unfreiheit kann zur Brutstätte für soziale Unfreiheit werden, so wie soziale oder politische Unfreiheit ihrerseits wirtschaftliche Unfreiheit befördern kann."

          Aus dieser Beobachtung leitet Sen eine "konstitutive" und eine "instrumentelle" Bedeutung bürgerlicher Rechte, politischer Freiheiten und sozialstaatlicher Einrichtungen ab. Daß Freiheit eine Voraussetzung gedeihlichen Zusammenlebens ist, kann man in der Tat häufig hören, und auch Sen bestätigt, Freiheit stärke die Fähigkeit der Menschen, sich selbst zu helfen und auf die Welt einzuwirken. "Politische Freiheiten - in Gestalt von Meinungsfreiheit und freien Wahlen - tragen dazu bei, ökonomische Sicherheit zu fördern. Soziale Chancen - in Gestalt von Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen - erleichtern die Teilhabe am ökonomischen Prozeß. Wirtschaftliche Einrichtungen - in Gestalt der Chancen, am Handel und an der Produktion teilzunehmen - können sowohl persönlichen Wohlstand schaffen als auch die öffentlichen Mittel für soziale Einrichtungen reichlicher fließen lassen. Verschiedene Freiheiten können sich zusammenwirkend gegenseitig bestärken." Das ist nichts anderes als Walter Euckens "Interdependenz der Ordnungen".

          Vordergründig aber ist die Freiheit in dieser Sicht nur ein Instrument. Was wäre nun, mag ein Advocatus diaboli fragen, wenn Liberalität in der Wirtschaft zu weniger statt zu mehr Effizienz führte? Das ist die Frage nach dem Wert der Freiheit, und Sen beantwortet sie ganz im Sinne der Liberalen: im Zweifel für die Freiheit. "Die positive Auswirkung des Marktmechanismus auf das Wirtschaftswachstum ist ohne Frage wichtig, doch diese Erwägung ist zweitrangig und greift erst, nachdem die unmittelbare Bedeutung der Freiheit - nämlich Worte, Güter, Geschenke auszutauschen - anerkannt worden ist." Diese Freiheit "muß nicht durch ihre günstigen, aber entfernten Wirkungen gerechtfertigt werden; sie gehört zu den Lebens- und Umgangsformen der Menschen in einer Gesellschaft". Wunderbarerweise ist die Realität freilich so beschaffen, daß man das eine nicht dem anderen zu opfern braucht.

          Empfindlich reagiert Sen vor diesem Hintergrund auf die Behauptung, Bürgerrechten komme in Entwicklungsländern kein Vorrang zu; man könne schon einmal ein Auge zudrücken, denn eine autoritäre Politik sei durchaus in der Lage, das Wachstum zu fördern - wie einst in Chile unter Pinochet und heute in China. Als seriöser Wissenschaftler, der er ist, zieht Sen zudem empirische Evidenz heran, und die legt "nahe, daß Wirtschaftswachstum eher Folge eines freundlicheren Klimas ist denn eines rigiden politischen Systems". Sein Kronzeuge ist die Beobachtung, "daß die Weltgeschichte kein Beispiel für eine Hungersnot in einer funktionierenden Demokratie kennt".

          KAREN HORN

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