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Rezension: Sachbuch : Moralphilosophie - ökonomisches Handeln

  • Aktualisiert am

Ein grundlegendes Werk über Leben und Wirken des Adam Smith

          Ian Simpson Ross: The Life of Adam Smith. Clarendon Press, Oxford 1995. 495 Seiten, 25 Pfund.

          1776 war ein bedeutendes Jahr: In Philadelphia erklärten sich die amerikanischen Kolonien für unabhängig, die von James Watt erfundene Dampfmaschine wurde erstmals industriell eingesetzt, in Edinburgh starb der für viele als eigentlicher Begründer der modernen Philosophie geltende David Hume - und Adam Smith, Professor für Moralphilosophie an der Universität Glasgow, veröffentlichte seine "Untersuchung über den Wohlstand der Nationen". Hume, Watt und Smith haben auf ihre Weise die Entwicklung des modernen Industriestaates und seiner Gesellschaft nachhaltig geprägt. In ihren Arbeiten dokumentierten sie die Veränderungen ihrer Zeit und trugen gleichzeitig zu diesen bei. Smith kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu: Er begründete mit seiner Untersuchung die moderne Wirtschaftswissenschaft und gilt bis heute für Wirtschaftstheoretiker und Politiker jeglicher Couleur als der Nationalökonom schlechthin.

          An Untersuchungen zum Denken Smiths und biographischen Studien herrscht infolgedessen kein Mangel. Ian Simpson Ross' Buch ist aber doch seit ungefähr hundert Jahren die erste umfangreiche, Leben und Werk gleichermaßen berücksichtigende und doch auf Verständlichkeit bedachte Biographie. Ross zieht in dieser Arbeit das Fazit der jüngsten Smith-Forschung, an der er als Mitherausgeber der "Correspondence" (für die inzwischen abgeschlossene "Glasgow Edition of the Works and Correspondence of Adam Smith") beteiligt gewesen ist. Mit der Biographie versucht Ross, ein vollständigeres Bild des schottischen Gelehrten und seiner Arbeiten zu geben, als das eine Fixierung auf Smiths ökonomische Texte erlaubte. Ross verweist daher auch auf die Bedeutung der "Lectures on Jurisprudence", die Smith nicht nur die Berufung zum Professor eingebracht haben, sondern die als Vorstudie für ein großes staatstheoretisches Werk gedacht gewesen sind - eine "Theory and History of Law and Government", die Smiths Arbeiten zur Moralphilosophie und Nationalökonomie ergänzt und verbunden hätte. Dieses Werk hat Smith nicht mehr geschrieben, aber auch ohne dieses ist sein OEuvre von ehrfurchtgebietendem Umfang. Im Mittelpunkt der Darstellung steht Smiths wissenschaftliches Werk; die Erzählung seines Lebens dient als Kontext, der zum Verstehen der Arbeiten Smiths beiträgt. Das Ergebnis ist eine umfassende Biographie des schottischen Denkers und eine gründliche Interpretation seines Denkens. Das Buch ist deshalb zugleich auch ein hervorragendes Beispiel für die angelsächsische Tradition der Leben und Werk darstellenden und interpretierenden Biographie.

          Smith gehört zu den hervorragenden Vertretern der sogenannten "Schottischen Aufklärung" und teilte mit diesen Aufklärern Herkunft, Ausbildung und Interessen: Geboren 1723 in Kirkcaldy, als Sohn eines schottischen Zollbeamten, wuchs Smith in relativem Wohlstand auf. Sein Vater war vor der Geburt gestorben, so daß die Hauptlast der Erziehung seine Mutter trug, mit der sich der lebenslange Junggeselle zeit seines Lebens eng verbunden fühlte. Smith bekam eine exzellente Ausbildung: Klassische Philologie, die Auseinandersetzung mit der Newtonschen Physik und Mathematik, mit dem zu dieser Zeit wieder an Bedeutung gewinnenden philosophischen Stoizismus. Und schließlich wurden mit den Lehren und Auffassungen seines Lehrers Francis Hutcheson die Grundlagen für seine Arbeiten gelegt. Nach der Ausbildung an der Universität Glasgow verbrachte er einige Zeit zu weiteren Studien in Oxford, arbeitete als Dozent in Edinburgh und wurde schließlich an die Universität Glasgow berufen. Als Hutcheson starb, übernahm er dessen Lehrstuhl. Eine lebenslange Freundschaft verband ihn mit David Hume, auf dessen Vermittlung er Voltaire, d'Alembert, Diderot und Helvétius kennenlernte. In der Tradition der Zeit begleitete er wie zuvor Thomas Hobbes und sein Freund David Hume einen jungen Adligen auf seinen Reisen und wirkte als dessen Tutor. Die Reisen nutzte er zu intensiven Studien: Er informierte sich über die Wirtschaftssysteme der bereisten Länder und diskutierte ökonomische Fragen mit Experten - in Frankreich vor allem mit den Physiokraten, einer wirtschaftspolitischen Schule, deren Hauptvertreter François Quesnay und Anne-Robert-Jacques Turgot er in Frankreich kennenlernte.

          Die brillante Karriere verdeckte persönliche Schwierigkeiten: Dieser einflußreiche und in ganz Europa bekannte Gelehrte war zeit seines Lebens nervös und unsicher. Mindestens einmal erlitt er einen Nervenzusammenbruch, er war häufig überarbeitet, seine Erlebnisse mit Frauen waren enttäuschend. In entscheidenden Phasen zeigte er jedoch stets Mut: Er stand dem sterbenden Hume in dessen letzten Tagen bei und verfaßte darüber einen einfühlsamen Bericht.

          Zu dieser Zeit war Smith bereits ein anerkannter Wissenschaftler, und auch außerhalb der akademischen Welt wurde ihm Aufmerksamkeit zuteil: Nach der Veröffentlichung der "Untersuchung über den Wohlstand der Nationen" war sein Rat allenthalben gefragt. Er beriet mehrere britische Regierungen, setzte sich für eine friedliche Lösung der Auseinandersetzungen mit den amerikanischen Kolonien ein und wurde schließlich Commissioner of Customs in Schottland. Smith war stolz, in die Fußstapfen seines Vaters treten zu können, obwohl er nun einer Behörde vorstand, deren Wirtschaftspolitik nicht mit den Grundsätzen übereinstimmte, die er selbst in seiner "Untersuchung über den Wohlstand der Nationen" vertreten hatte. 1790 starb Smith; wie sein Freund Hume ertrug er das Näherkommen des Todes mit stoischer Gelassenheit.

          Schon bald nach seinem Tod wurde das Werk Smiths mit Newtons "Principia Mathematica" verglichen. Wie dieser das System der Natur, so hatte Smith das der Gesellschaft und der sie bewegenden Kräfte beschrieben und erklärt. Smith widersprach der Vorstellung Hobbes' oder Mandevilles von der Dominanz der Eigensucht im menschlichen Verhalten und entwickelte eine auf Humes und Hutchesons Erkenntnissen aufbauende, zwischen deren Positionen oszillierende Moraltheorie. Ross zeichnet diese Entwicklung nach und zeigt die Zusammenhänge zwischen Smiths moralphilosophischen Überlegungen und seiner später entwickelten Theorie wirtschaftlichen Handelns. Die Entstehung und der Inhalt der "Untersuchung über den Wohlstand der Nationen" wird in Ross' Biographie sorgfältig dargestellt und analysiert. Diese Passagen bieten eine vorzügliche Einführung in Smiths ökonomisches Denken und dessen Bezugnahme auf zuvor entwickelte moraltheoretische Argumente. Die nach Smith im Wirtschaftsleben wirkende "unsichtbare Hand" wird als eine den Newtonschen Naturgesetzen vergleichbare Struktur verständlich: Es ging Smith bei seiner Analyse der Wirtschaft um die Darstellung von Wirkungszusammenhängen und Mechanismen. Das wird von Ross nachgezeichnet und im Kontext der zeitgenössischen Wissenschaft interpretiert. Auch wenn dem Leser dabei keine grundlegend neuen Erkenntnisse vermittelt werden, so bietet diese Biographie doch eine Synthese der Smith-Forschung, die auch auf bekannte Tatsachen neues Licht wirft: Ross versucht beispielsweise, den Einfluß des in der akademischen Diskussion wiedererstarkten stoischen Denkens auf Smith aufzuzeigen - und er relativiert das Bild des jedem staatlichen Eingreifen skeptisch gegenüberstehenden Wissenschaftlers. Die Biographie erhellt damit den wissenschaftlichen Kontext, innerhalb dessen sich Smiths Denken entwickelt hat, und ordnet dieses Denken zugleich darin ein. DIETMAR HERZ

          (Geschwister-Scholl-Institut für politische Wissenschaft der Universität München)

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