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Rezension: Sachbuch : Mit List und Lüge zu Geld und Macht

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Auf den Spuren der institutionalistischen Revolution

          Horst Feldmann: Eine institutionalistische Revolution? Zur dogmenhistorischen Bedeutung der modernen Institutionenökonomik. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1995, 115 Seiten, 82 DM.

          Auf wirtschaftswissenschaftlichen Tagungen wird mehr und mehr über die Institutionenökonomie diskutiert. Transaktionskosten, Agency-Probleme, Property-Rights oder Verfassungsökonomik stehen zur Diskussion. Hinter jedem dieser Begriffe steckt ein ganzes Theoriegebäude. Außenstehende, die in dieser Materie nicht firm sind, werden in solchen Fällen kaum mitreden können. Doch was sich so abstrakt und weltfremd anhört, dient eigentlich nur der "Vermenschlichung" der ökonomischen Theorie. Denn nun wird nicht mehr allein über nutzenmaximierende Monster und stromlinienförmig arbeitenden Institutionen geredet, sondern mit Unternehmen, Behörden, Parlamenten, in denen Menschen mit all ihren Schwächen arbeiten. Mit der Institutionenökonomik finden solche Elemente wie Eitelkeit und Machtstreben, Bequemlichkeit und Ehrgeiz, Lüge und List Eingang in die Wirtschaftstheorie.

          Die Bedeutung dieses relativ jungen Forschungszweiges ist stetig gewachsen. Mit James Buchanan, Ronald Coase und Douglass North sind wichtige Vertreter mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet worden. Viele sprechen nach der marginalistischen und keynesianischen Revolution von der dritten Umwälzung, der institutionalistischen Revolution. Horst Feldmann geht in diesem Buch der Frage nach, ob diese Einschätzung gerechtfertigt ist. Dazu spürt er ihre dogmenhistorischen Wurzeln auf, beschreibt ihre Grundgedanken und Anwendungsfelder.

          Es zeigt sich, daß David Hume oder Adam Smith zu den Ahnherren der Institutionenökonomik gezählt werden müssen. So hat Hume Mitte des achtzehnten Jahrhunderts unter anderem darauf hingewiesen, daß die Institution des Eigentums die Vermehrung der Güter fördere, wie Feldmann berichtet. Smith hat sich ungefähr zur gleichen Zeit mit Moral und Selbstinteresse befaßt. Sympathie und sittliche Regeln, Rechtsnormen und freier Wettbewerb seien bei ihm die Institutionen gewesen, mit deren Hilfe das Selbstinteresse grundsätzlich in Bahnen gelenkt würde, die für alle Mitglieder der Gesellschaft nützlich seien, schreibt Feldmann.

          Später habe sich Friedrich August von Hayek so umfassend und intensiv wie kaum ein anderer mit Institutionen beschäftigt: Das Privateigentum dient der Nutzung weit verstreuten Wissens und verteilter Fertigkeiten der Individuen, da sie es so gewinnbringend einsetzen können. Der Markt führt zu Preisen, die Informationen vermitteln und individuelles Verhalten koordinieren. Zusammen mit Sitte, Recht, Moral sind sie, wie Hayek herausgearbeitet hat, Voraussetzung für die individuelle Freiheit des Menschen.

          Die beiden derzeit vorherrschenden Lehrgebäude der Nationalökonomie sind dennoch ohne institutionelle Elemente gebaut. Feldmann spricht in diesem Zusammenhang von einem institutionellen Vakuum. In der Neoklassik wird von perfekten Eigentumsrechten, einem effizienten Rechtssystem, Unternehmungen ohne Innenleben, vollständig rationalen Wirtschaftssubjekten und dem Fehlen von Transaktionskosten ausgegangen. Die darauf aufbauenden Modelle sind theoretisch und formal bestechend, doch ohne großen Bezug zur Wirklichkeit. Auch John Maynard Keynes hat den Staat nicht in Betracht gezogen. In der Praxis ist später sein Vorschlag, die Nachfrage in bestimmten Fällen der Unterbeschäftigung anzukurbeln, zur Globalsteuerung der Konjunktur degeneriert, die in der parlamentarischen Demokratie zu einer ständig steigenden Staatsverschuldung führen muß.

          Wer solche Fehlsteuerungen vermeiden will, muß Institutionen mit den richtigen Anreizen versehen. Das lehrt die neue Institutionenökonomie. Der Mensch sei nur in Ausnahmefällen ein selbstloser Heiliger. In der Regel seien die Menschen vielmehr so gut oder so schlecht wie die Institutionen, in denen sie lebten. Unternehmer, Angestellte, Abgeordnete hätten nicht nur das hehre Ziel des Ganzen im Auge, sondern auch ihr eigenes Interesse: Ein Vorstand einer Aktiengesellschaft wolle und müsse sich in der Öffentlichkeit und vor seinen Aktionären gut verkaufen, das könne für seine Karriere wichtiger sein als die langfristige Perspektive des Unternehmens; der Angestellte erheische Geld und Ansehen, das könne auf Kosten seines Arbeitgebers gehen; der Abgeordnete strebe danach, wiedergewählt zu werden, dazu könne er auch einmal Themen und Thesen nach außen vertreten, an die er in seinem tiefsten Innern selbst nicht glaube. Solche allzumenschliche Motive treten in vielerlei Variationen und Modulationen in den verschiedenen institutionenökonomischen Ansätzen immer wieder hervor. Entsprechend bunt ist ihre Welt.

          Feldmann führt in die wichtigsten Schulen der Institutionenökonomie ein. Die Lektüre läßt erahnen, wie wichtig bei der Gestaltung der Wirtschaftspolitik die Berücksichtigung der bestehenden Institutionen ist. Ähnliches gilt für den Aufbau eines Unternehmens. Eine stärkere Kontrolle des Managements oder eine Gewinnbeteiligung können helfen, Interessenkonflikte zu steuern oder zu mindern.

          Wer den schmalen Band liest, gewinnt in kurzer Zeit einen Überblick über einen Zweig der Nationalökonomie, der immer wichtiger wird. Dennoch ist Feldmann skeptisch, ob er in die herrschende Lehre integriert wird, ob es demnach zur dritten Revolution der Wirtschaftswissenschaften kommt. Dagegen spreche das zum Teil noch geringe formale Niveau der neueren institutionalistischen Theorien - "und dies zählt in der heutigen Wirtschaftswissenschaft vielfach mehr als der durch die neuen Ansätze ermöglichte Erkenntnisgewinn". Auch hätten sich zu viele Ökonomen in der herrschenden Lehre zu bequem eingerichtet.

          Das Buch behandelt ein spannendes Kapitel der modernen Wirtschaftslehre. Es ist so geschrieben, daß nicht nur Fachleute auf ihre Kosten kommen. Unverständlich ist nur der Preis für die hundertfünfzehn Seiten; er ist mit 82 DM abschreckend hoch. MANFRED SCHÄFERS

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