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Rezension: Sachbuch : Militant und skandalträchtig

  • Aktualisiert am

Eine Hetzschrift gegen Marktwirtschaft und Kapitalismus

          4 Min.

          Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus: Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1999, 816 Seiten, 68 DM.

          Seit der Veröffentlichung des "Schwarzbuchs des Kommunismus" jagt ein Schwarzbuch das andere. Auf diesen Zug ist auch der Publizist Robert Kurz gesprungen. Es war bloß eine Frage der Zeit, wann jemand - unschwer als Retourkutsche erkennbar - einen Abgesang auf den Kapitalismus anstimmen würde. Der Bezug zum "Schwarzbuch des Kommunismus" offenbart sich nicht zuletzt in dem Komplex über das "System der totalitären Weltmarkt-Demokratien". Hier ist wie selbstverständlich von der "totalen Mobilmachung" des Kapitalismus, vom "totalitären Markt", "sozialökonomischen Totalitarismus" wie vom "totalitären Freizeitkapitalismus" die Rede, als gehe es darum, eine Wirtschaftsordnung durch eine entlarvende Terminologie zu stigmatisieren, um ihr besser das Handwerk legen zu können.

          Den Totalitarismus nur im staatlich-politischen Bereich aufzuspüren erscheint Kurz unzureichend. Für den marxistisch geschulten Autor ist der politische Totalitarismus lediglich eine Spielart des sozioökonomischen. Im Vergleich zum totalitären Staat sei nämlich der freie Markt "viel totalitärer", weil er tiefer in das menschliche Bewusstsein eindringe. Demnach überwindet die "liberale Weltmarkt-Demokratie" nicht den Totalitarismus, sondern vollendet diesen. Zu solchen abstrusen Schlussfolgerungen kann der Verfasser nur kommen, weil er alles in einen Topf wirft, statt die fundamentalen Unterschiede zwischen Demokratie und Totalitarismus herauszuarbeiten. Denn wer der ständigen medialen Berieselung im öffentlichen Raum "terroristischen Charakter" unterstellt und die Ansicht vertritt: "Das geht weit über die militärischen Anfänge im ,totalen Krieg' hinaus", der kennt weder die Wirklichkeit in einer Diktatur noch in einer Demokratie.

          "Entsetzt sehen wir, dass der Kapitalismus, seitdem sein Bruder, der Sozialismus, für tot erklärt wurde, vom Größenwahn bewegt ist und sich ungehemmt auszutoben begonnen hat." Das sagt nicht Robert Kurz, der dem aber gewiss beipflichten würde, vielmehr stammt die Äußerung von Günter Grass. Sie ist dessen Nobelpreisrede entnommen und verdeutlicht den Wert antikapitalistischer Positionen, die - zehn Jahre nach der Implosion des Kommunismus - längst wieder gesellschaftsfähig geworden sind. Man kann in der vorliegenden Studie einen Beleg dafür sehen.

          Im Mittelpunkt steht die Geschichte der ersten, zweiten und der dritten industriellen Revolution. Der Autor möchte die Aporien des Kapitalismus aufzeigen. Wie ein roter Faden zieht sich die "Erkenntnis" durch das Buch, die Marktwirtschaft mache wenige reich, die Masse hingegen arm. Mit dem Auftreten des Kapitalismus hätten sich die menschlichen Lebensbedingungen, von wenigen prosperierenden Phasen abgesehen, kontinuierlich verschlechtert. Medizinischer und technischer Fortschritt, verbesserte Hygiene, Bildungsexpansion und höheres Einkommen je Kopf, um nur eine kleine Auswahl zu treffen, finden keine Gnade vor den Augen des Kritikers.

          Der Kapitalismus wird gleichsam für alle Probleme der Welt verantwortlich gemacht. Die Schwierigkeiten in Afrika schiebt der Verfasser einzig ihm in die Schuhe. Andere Faktoren - historische, kulturelle oder umweltbedingte - bleiben außen vor. Die Marktwirtschaft, "ein brutales Gewinner-Verlierer-Spiel", gilt Kurz als "antihumane Gesellschaftsform". Wer von deren Alternativlosigkeit spreche, sei ein "zynischer Rechtfertigungs-Ideologe". Weder Umverteilung noch Verzicht könnten helfen, da sie sich innerhalb der Logik des kapitalistischen Systems bewegten. Die Marktwirtschaft selbst sei das Problem.

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