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Rezension: Sachbuch : Komparativer Vorteil und freier Handel

  • Aktualisiert am

Theoretische Ansätze in dogmengeschichtlicher Perspektive

          Andrea Maneschi: Comparative Advantage in International Trade. A Historical Perspective. Edward Elgar Publishing, Cheltenham 1998, 258 Seiten, 55 Pfund.

          Im Zeitalter irrationaler Globalisierungsfurcht kommt der Freihandel wieder einmal in Verruf. Woran liegt es? Daß es hier wohl auch um eine Frage der schweren Vermittelbarkeit geht, darauf wird der Leser in dem Buch "Comparative Advantage in International Trade" von Andrea Maneschi (Vanderbilt University, Vereinigte Staaten) schnell kommen. Das ökonomische Grundargument für den Freihandel, dem sich Maneschi aus dogmengeschichtlicher Sicht widmet, ist von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson zwar zu Recht als "profunde Einsicht", aber auch als "kontraintuitive" Idee bezeichnet worden, die dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheine. Die Rede ist von der Theorie des "komparativen Vorteils". Sie ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Robert Torrens entwickelt und von David Ricardo popularisiert worden. Adam Smith hatte schon korrekt gemeint, daß es einfache "absolute Vorteile" bei konkurrierenden Volkswirtschaften gebe und daß Freihandel diese "absoluten Vorteile" zum Wohle aller nutzbar mache. So wäre es beispielsweise für alle Beteiligten unsinnig, wenn Grönland mit protektionistischen Mitteln Honduras beim Bananenexport übertreffen wollte. Doch diese plausible Theorie hat die ökonomische Realität nicht hinreichend erfaßt. Was wäre, wenn Länder mit mehreren Produkten miteinander konkurrierten, aber eines der Länder seine Produkte generell ungünstiger anböte? Torrens und Ricardo haben erkannt, daß die Kosten der Gewinnsteigerung bei den jeweiligen Produkten in den Ländern meist verschieden sind. Ein Land, das bei zwei Produkten dem anderen "überlegen" sei, könne dennoch gut beraten sein, sich ausschließlich auf eines der beiden Produkte zu konzentrieren, weil dort ein höherer Gesamtbetrag abfalle. Ein triviales Analogbeispiel mag das verdeutlichen: Selbst wenn ein Unternehmer besser Schreibmaschine schreiben könnte als seine Sekretärin, würde er dennoch diese Arbeit durch sie verrichten lassen, weil er andere Dinge noch besser kann als Schreibmaschine schreiben. Seine Sekretärin wäre also selbst in diesem Falle konkurrenzfähig. Diese Idee des Vorteils des Schlechteren macht die Sache so "kontraintuitiv".

          Torrens und Ricardo hatten damit nachgewiesen, daß Freihandel nicht nur dem "Stärkeren" nützt, sondern auch schwach entwickelten Ländern eine Chance bietet. Unwidersprochen ist das nicht geblieben. Maneschi zeichnet in seinem Buch auch die Entwicklung einiger Lehren nach, die die Theorie des komparativen Vorteils in Frage stellen. Das von Alexander Hamilton schon 1791 in den Vereinigten Staaten entwickelte und von seinem Landsmann Henry C. Carey (den Maneschi überraschenderweise kaum würdigt) und dem Deutschen Friedrich List konsequent weitergedachte Argument der "infant industries" gehört dazu. Dieses Argument, das zeitlich begrenzte Zölle bei unterentwickelten Ländern mit Nachholbedarf bei den Produktionsfaktoren in den Mittelpunkt stellt, ist nicht nur dank John Stuart Mill selbst von liberalen Ökonomen als mögliche Einschränkung des Freihandelspostulats akzeptiert worden. Es hat auch zu unterschiedlichen Reformulierungen der Theorie des komparativen Vorteils geführt. Maneschi zeichnet auch diesen Prozeß sorgfältig nach. In diesem Jahrhundert sind dabei vor allem Namen wie Gottfried Haberler zu nennen, der die Theorie mit dem Konzept der Opportunitätskosten verbunden hat, oder die Schweden Bertil Ohlin und Eli Heckscher, die mit der Einbeziehung von Ressourcenvielfalt und Substituierungsprozessen ein wesentlich komplexeres Erklärungsmuster geliefert haben, als es Ricardo möglich gewesen ist.

          Daß man daher heute kaum noch von einer Theorie des komparativen Vorteils reden könne, sondern gleich von mehreren, mache - so schreibt Maneschi - die Sache nicht leichter. Aber auch dieser Umstand täusche nicht darüber hinweg, daß sie immer noch die fast universell gültige Basis für die handelspolitische Diskussion sei. Dem Freihandel sind jedenfalls genügend Argumente geblieben. DETMAR DOERING

          (Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung, Königswinter)

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