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Rezension: Sachbuch : Kollektive Verblendung

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René Lüchinger: Der Fall der Swissair. Das Drama, der Untergang, die Akteure. WM Wirtschafts-Medien AG, Bilanz, Zürich 2001, 304 Seiten, 39 Franken.Die Swissair, einst fast eine fliegende Bank, ist zerschellt, weil die Konzernführung einer kollektiven Verblendung zur Größe erlag. Das ist die These des ...

          René Lüchinger: Der Fall der Swissair. Das Drama, der Untergang, die Akteure. WM Wirtschafts-Medien AG, Bilanz, Zürich 2001, 304 Seiten, 39 Franken.

          Die Swissair, einst fast eine fliegende Bank, ist zerschellt, weil die Konzernführung einer kollektiven Verblendung zur Größe erlag. Das ist die These des ersten von zwei Büchern, die bereits drei Monate nach dem Swissair-Debakel auf dem Markt sind. Ist diese These plausibel? Oder ist sie womöglich selbst die Folge einer Sucht - nach publizistischen Schnellschüssen?

          Dem Buch sieht man an, daß es unter Zeitdruck entstand. Da gibt es einige falsche Jahreszahlen. Überdies versteigt sich der Autor René Lüchinger gelegentlich zu Formulierungen, die ein Lektor mit mehr Muße hätte korrigieren können. So heißt es einmal, der Swissair-Chef sei "wie mit Siebenmeilen-Stiefeln in das Epizentrum des Schweizer Wirtschaftsestablishments hochgestiegen". Man weiß zwar, wo das Epizentrum eines Erdbebens ist - aber wo liegt das Epizentrum des Establishments? Und warum steigt man da hinauf, wenn Kraftzentren doch meist unten anzutreffen sind?

          Abgesehen von schiefen Bildern und kleinen Fehlern gibt das Buch aber einen guten Überblick darüber, wie es zum Debakel gekommen ist. Es ist indes mehr Chronologie als Bericht, mehr Story als Analyse. Das liegt nicht zuletzt daran, daß der Autor ein Magazin-Mann ist. Und Magazine haben nun einmal die Masche, jede Nachricht wie eine Geschichte zu beginnen - auch wenn es bloß ein Geschichtchen ist. So erfährt der Leser in den ersten zwei Absätzen des Buches nicht viel mehr, als daß sich der Basler Bankier Marcel Ospel auf ein gemütliches Wochenende freut, weil er so viel durch die Welt geflogen ist, daß die Gemütlichkeit aber am Samstag abend um 18 Uhr vorbei ist, weil das Telefon bimmelt.

          Es gibt noch mehr überflüssigen Stimmungskitsch in dem Buch, doch die Dramatik des Swissair-Debakels wird gut inszeniert, die langsame Zuspitzung der Affäre mit einigen geschickt gewählten Anekdoten illustriert. Auch einige Hauptdarsteller wie der frühere Swissair-Chef Philippe Bruggisser, seine Pressesprecherin Beatrice Tschanz und der Crossair-Gründer Moritz Suter sind gut porträtiert.

          Was jedoch fehlt, das ist der Rahmen der Story, also die Geschichte der neunziger Jahre, in der die Schweiz den europäischen Alleingang begann und damit die Swissair zu einem fatalen Solo-Flug verleitet hat. Vor allem ausländische Leser werden diesen Rahmen vermissen, weil er ein wichtiger Teil der Swissair-Geschichte ist. Es wird ihnen auch schwerfallen, das Beziehungsnetz zwischen den vielen Akteuren zu durchschauen, die zur ersten Manager-Garde des Landes gehören und allesamt der Freisinnigen Partei nahestehen. Das Netz hätte besser beschrieben werden müssen, weil es die Bedeutung erklärt, welche die private Aktiengesellschaft Swissair für das Land besessen hat. Dieser Fall war eben keine normale Unternehmenspleite, sondern es war fast ein Absturz der gesamten Schweiz, als die Flotte Anfang Oktober ohne Sprit am Boden stand.

          Aber belegt das Buch die These, daß die Flugzeuge mit dem Schweizerkreuz auf der Heckflosse wegen kollektiver Verblendung zur Größe abstürzten? Wollten die Swissair und damit die Schweiz wirklich gar zu hoch hinaus? Die Hochmut-These ist nicht ganz abwegig, wie auch der europäische Alleingang des Landes Folge eines ausgeprägten Selbstbewußtseins ist. Das Buch beweist seine These nicht, weil es eher personalisiert als analysiert. Der Autor zeigt zwar den Übermut des etwas autistischen Konzernchefs Bruggisser, der dem Verwaltungsrat irgendwann aus dem Ruder lief und daher Anfang 2001 entlassen wurde. Doch er beweist nicht, daß die Swissair letztlich daran scheiterte, daß sie größer sein wollte, als es der kleine Heimmarkt Schweiz erlaubt. Mit einem weiterhin guten Produkt und mit den richtigen Partnern im Ausland hätte die Gesellschaft nicht zu scheitern brauchen, wenn die Manager nicht schwere Fehler gemacht hätten. Viele Schweizer Unternehmen, zum Beispiel Nestlé, Novartis, UBS und Roche, sind viel zu groß für die kleine Schweiz. Dennoch überleben sie dank guter Führung.

          KONRAD MRUSEK

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