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Rezension: Sachbuch : Individualität und Verantwortung

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Alain Laurent: La Philosophie libérale. Histoire et actualité d'une tradition intellectuelle. Les Belles Lettres, Paris 2002, 349 Seiten, 21 Euro.Liberal im amerikanischen (sozialdemokratischen) oder im europäischen (freiheitsorientierten) Sinn, wirtschaftsliberal, sozialliberal, linksliberal, klassisch ...

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          Alain Laurent: La Philosophie libérale. Histoire et actualité d'une tradition intellectuelle. Les Belles Lettres, Paris 2002, 349 Seiten, 21 Euro.

          Liberal im amerikanischen (sozialdemokratischen) oder im europäischen (freiheitsorientierten) Sinn, wirtschaftsliberal, sozialliberal, linksliberal, klassisch liberal, ultraliberal, neoliberal, ordoliberal, paläoliberal, libertär, "libertarian", anarcho-kapitalistisch - wer soll sich in all diesen Facetten tatsächlich oder auch nur angeblich freiheitlichen Denkens noch zurechtfinden? Welches dieser Adjektive ist ein Schimpfwort und welches ein Widerspruch in sich?

          Der Pariser Philosoph Alain Laurent hat sich vorgenommen, Klarheit in das Begriffsdunkel zu bringen und mit Vorurteilen aufzuräumen. In seinem ehrgeizigen Werk "La Philosophie libérale" stellt er den Liberalismus als ganzheitliche, keineswegs auf die wirtschaftliche Sphäre beschränkte facettenreiche Philosophie dar, die auf eine lange geisteswissenschaftliche Tradition zurückgeht, von John Locke und Adam Smith bis Friedrich August von Hayek und Milton Friedman. Ihr Schwerpunkt liege mehr auf der Moral als auf der Politik, mehr auf dem Recht als auf der Wirtschaft, schreibt Laurent. Schon gar nicht lasse sie sich reduzieren "auf eine vulgäre Begleitrhetorik für die wirtschaftliche Globalisierung".

          Die wesentliche Eigenschaft des Liberalismus ist die Verbindung des methodologischen Individualismus (jede theoretische Argumentation nimmt den subjektiven Standpunkt einer Einzelperson zum Ausgangspunkt) mit einer Ethik, die auf individueller Freiheit und Verantwortung, Privateigentum, Pluralismus und Toleranz gründet. Abgesehen von diesen paradigmatischen Grundelementen, sei dem Liberalismus in seiner Diversität jedoch naturgemäß kein "doktrinal abgeschlossenes Erscheinungsbild" eigen, schreibt Laurent.

          Seine Stärken beweist der Autor in den Kapiteln über das Individuum im konzeptionellen "Epizentrum des Liberalismus", über Freiheit, Eigenverantwortung und Privateigentum. Der abstrakte Begriff der "Menschheit" trete hinter die Lebenswirklichkeit des einzelnen zurück. "Die menschliche Realität ist nur nach Maßgabe des Individuums zu erfassen", formuliert Laurent, nicht nach Maßgabe "kollektiver Pseudo-Gemeinschaften, Kasten, Klassen, Rassen, Nationen oder Völker". Dem Individuum sei eine Innerlichkeit eigen, eine "Autonomie des Wollens" (Immanuel Kant), die es zum Subjekt mache: "eine Quelle frei geplanter Handlungen, versehen mit der Fähigkeit zu wählen und zu wollen, mit der Bestimmung, sich selbst zu gehören". Dies bilde die moralische Voraussetzung jedes selbstverantwortlichen Seins, das erlaube, aufgrund der Vertragsfreiheit mit anderen Individuen in Austausch zu treten. Dabei finde die Freiheit des einzelnen ihre Grenze in der anerkannten Freiheit der anderen.

          Nicht etwa unliebsame Kehrseite der Freiheit, sondern deren Korrelat sei die Eigenverantwortung: "Ohne die Pflicht zur Verantwortung zerstört sich die individuelle Freiheit selbst." Aus dem naturrechtlich festgestellten Eigentum jedes Menschen an sich selbst (John Locke) leiteten sich darüber hinaus sämtliche anderen Begründungen des Privateigentums ab. Daß das Privateigentum dafür sorge, daß mit den Ressourcen sinnvoll und pflegsam umgegangen werde, sei ein nützlicher Nebeneffekt.

          Die philosophischen Schwächen des Buches folgen jedoch auf dem Fuß. Als Gegenstand der liberalen Philosophie präsentiert Laurent das Konzept der negativen Freiheit (als Abwehrrecht): "im Privatleben oder in der Öffentlichkeit soweit wie möglich nicht dem Wollen anderer oder staatlichem Zwang ausgesetzt zu sein". Einer gewissen Dosis positiver Freiheit (als einklagbarer Anspruch) in Form einer "institutionalisierten Unterstützung realer Handlungsmöglichkeiten" steht er dennoch wohlwollend gegenüber. Die logische Unvereinbarkeit beider Konzepte läßt er im Nebel versinken. Und damit verrät er sich: Laurent zählt zu jenen frostempfindlichen Liberalen, denen Freiheit ohne klar definierte Steuerungsinstanz Angst einjagt.

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