https://www.faz.net/-gqz-6qmco

Rezension: Sachbuch : Hinterhältig, kaltblütig, Währungskrieg

  • Aktualisiert am

Mister Connollys Ausfälle gegen Frankreich und Deutschland

          3 Min.

          Bernard Connolly: The Rotten Heart of Europe. Verlag Faber and Faber, London 1995. 427 Seiten, 17,50 Pfund.

          Das Titelbild des Buches sagt alles: Von einem Sockel aus zielt das Brüsseler "Manneken Pis" auf eine ihm zu Füßen ausgebreitete Landkarte von Europa. Die despektierliche Zeichnung ist symptomatisch für das Buch "The Rotten Heart of Europe". Das Buch mit dem Untertitel "Der dreckige Krieg um Europas Währung" ist so haarsträubend und gegenüber Deutschland und der Deutschen Bundesbank so beleidigend, daß der Autor Bernard Connolly wohl kaum ernst genommen wird.

          Verfechter des Buches behaupten, der Autor sei besonders glaubwürdig, da er in verantwortungsvoller Position in der Brüsseler Kommission für die Währungsunion gearbeitet habe und "Insider" sei. Das ist nur zum Teil richtig. Connolly leitete zwar das Referat "EWS, nationale und europäische Währungspolitik" in der Brüsseler Kommission. Dies Referat ist aber nur eines der fünf Referate, die zu einer der sechs Abteilungen der Generaldirektion II gehören. Abgesehen von dem Präsidenten Jacques Santer und Kommissar Yves-Thibault de Silguy hatte er noch drei Vorgesetzte. Connolly ist für die Kommission mit seinem abfälligen Buch untragbar geworden. Gegen ihn läuft ein Disziplinarverfahren; er ist soeben von der Kommission der Europäischen Gemeinschaft vom Dienst auf unbestimmte Zeit suspendiert worden.

          Connolly stellt die gesamte Konzeption des Europagedankens und der Währungs-und Wirtschaftsunion in seinem Buch so dar, wie es die schärfsten Euroskeptiker in Großbritannien hören wollen. Nicht umsonst ist das Buch von der "Times" in Auszügen abgedruckt worden. Nach Connollys Darstellung haben Deutschland und Frankreich die Wirtschafts- und Währungsunion "kaltblütig" und "hinterhältig" ausgeheckt, um Macht über Europa zu gewinnen. Connolly wirft den Deutschen vor, sie wollten über die Wirtschafts- und Währungsunion einen "Großwirtschaftsraum" schaffen, das "Frankenreich" unterjochen und Europa germanisieren. Frankreich wirft er vor, Deutschland währungspolitisch schwächen zu wollen, um politisch endgültig die Oberhand in Europa zu erreichen. Die anderen Mitgliedstaaten seien nur Opfer dieser Intrige geworden. Das System sei eine "Lüge". Der Name der Stadt Maastricht sei mit dem Vertrag zur Währungsunion "beschmiert" worden. Letztlich bringe die Wirtschafts- und Währungsunion den Mitgliedsländern so viel Schaden, daß das System verdammenswert sei. Der stille Machtkampf zwischen Deutschland und Frankreich werde langfristig den Frieden in Europa gefährden.

          Connolly scheut sich nicht, zur deutschen Wirtschafts- und Währungspolitik ständig Parallelen mit der Politik des Dritten Reiches zu ziehen. So gleiche das Konzept der Währungsunion dem Konzept der 1940 von Deutschland geplanten Reichsmarkzone im deutschen Großwirtschaftsraum. Der Bundesbank unter Hans Tietmeyer wirft Connolly vor, Europa über die Zinspolitik unter die Fuchtel nehmen und die Vormachtstellung der D-Mark und Deutschlands zementieren zu wollen. Tietmeyer wolle das Europäische Währungsinstitut zu einem Vasallen der Bundesbank machen. Außerdem wollten die Bundesregierung und die deutsche Großindustrie die Wirtschafts- und Währungsunion nur, damit die deutschen Großkonzerne in Europa dominieren könnten.

          Der Autor, der während seiner Zeit in Brüssel genug Hintergrundwissen gesammelt haben müßte, daß er zu besseren Urteilen kommen sollte, spricht in dem Buch von monetärer Kriegsführung von Deutschland und Frankreich. Immerhin räumt er Kohl, Mitterrand und Delors jedoch in einer Fußnote ein, daß sie keine Rassenpogrome inszenieren wollten. Dann aber sagt er, daß der europäische Superstaat, den Deutschland und Frankreich aufbauen wollten, zu der Versuchung von politischen Abenteuern in der Welt führen würde. "Wer hätte noch vor drei Jahren gedacht, daß in Europa wieder verstörte Augen halbverhungerter Menschen hinter den Stacheldrahtzäunen von Konzentrationslagern schauen würden?" Das mag als Leseprobe aus dem Buch genügen.

          Connolly hat immerhin so viel Detailwissen gesammelt, daß er in dem Buch nicht nur polemisiert, sondern mit Fakten und Daten arbeitet. Im Vorspann sagt er, diese Fakten seien nachprüfbar. Damit hat er recht. Connolly interpretiert die Fakten jedoch einseitig und kommt damit zu verzerrten Darstellungen. Den Sturz von Margaret Thatcher, die er glühend verehrt, stellt er als "mörderische Intrige" der anderen europäischen Staaten und Brüssel dar. Und Helmut Schlesinger feiert er als Helden, weil es ihm endlich gelungen sei, die Währungsunion zu zerbrechen.

          Es ist erstaunlich, daß dieser Mann so lange in der Kommission hat arbeiten können, obwohl er keinen Hehl aus seinen Ansichten gemacht hat. Daher ist es geradezu lächerlich, wenn er Delors vorwirft, mit stalinistischen Methoden jede Kritik in der Kommission abgewürgt zu haben. Er selbst ist das beste Beispiel für eine offensichtlich sehr tolerante Haltung der Brüsseler Beamten.

          Dieses Buch wird einem kleinen Kreis verbohrter britischer Euroskeptiker sicher gefallen. Es wird aber noch nicht einmal einen Anklang in einer breiteren britischen Leserschaft finden. Für einen deutschen Leser ist das Buch nur interessant, wenn man nachvollziehen will, wie geschickt und fanatisch manche - glücklicherweise wenige - Briten die Entwicklung in Europa verteufeln. Es ist schade, daß die extremen Euroskeptiker in Großbritannien nichts Positives und Verbindendes an dem Gedanken eines gemeinsamen Europas erkennen können. BETTINA SCHULZ

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schüler einer vierten Klasse sitzen zu Beginn des Unterrichts in Dresden auf ihren Plätzen.

          Im neuen Schuljahr : Welcher Lernstoff ist verzichtbar?

          Auch nach den Sommerferien wird der Unterricht anders sein als gewohnt. Drei Szenarien sind denkbar. Die Friedrich Ebert Stiftung schlägt nun vor, Prüfungs- und Lehrinhalte zu reduzieren. Streit ist programmiert.
          Streit mit der Bild-Zeitung: Virologe Christian Drosten

          „Bild“ gegen Drosten : Wahrheit im Corona-Style

          Die Kampagne gegen den Virologen Drosten ist sachlich unbegründet, niveaulos und niederträchtig. Sie richtet sich gegen die Wissenschaft. Und damit ist weder der Gesellschaft noch der Politik gedient.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.