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Rezension: Sachbuch : Geld regiert die Welt

  • Aktualisiert am

"Das Finanzkapital" in der Klassiker-Edition

          3 Min.

          Rudolf Hilferding: Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus. Faksimile der 1910 in Wien erschienenen Erstausgabe. 478 Seiten.

          Kommentarband mit Beiträgen von Edward J. Nell, Reinhard Schmidt und Erich W. Streissler. 134 Seiten. Verlag Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 2000. Preis für Faksimile und Kommentarband: 540 DM.

          Die renommierte Klassiker-Edition des Verlags Wirtschaft und Finanzen sieht sich seit einiger Zeit mit einer voraussehbaren Schwierigkeit konfrontiert. Nach einer mehr als zehn Jahre währenden regen Editionstätigkeit droht sich der Vorrat an noch nicht nachgedruckten Klassikern der ökonomischen Literatur zu erschöpfen. Daher sind zuletzt Werke erschienen, über deren Einordnung als Klassiker, also als herausragende, über ihre Zeit hinauswirkende Bücher, sich trefflich streiten ließe. Es ist erfreulich, daß die Herausgeber jetzt einen wahren Klassiker vorlegen, um den es zuletzt still geworden ist.

          Die Wertschätzung bedarf der Begründung. Denn "Das Finanzkapital" von Rudolf Hilferding ist zu seiner Zeit als Fortsetzung des Buches "Das Kapital" von Karl Marx bezeichnet worden. Das ist aus heutiger Sicht ebensowenig eine Empfehlung wie der Hinweis, daß Hilferding als Ahnvater der berüchtigten Stamokap-Theorie gilt und sein Buch Lenin wertvolle Hinweise für dessen fragwürdige Theorie über den Imperialismus geliefert habe. Dennoch gehört "Das Finanzkapital" nicht auf die Müllhalde der Werke orthodoxer und verblendeter Marxisten. Seines marxistischen Duktus beraubt, erweist es sich als "ein großes Buch mit Fehlern" (Bertram Schefold).

          Das zentrale Thema des Buches ist die Rolle der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mächtig entwickelnden Aktienbanken und deren Einfluß auf die Industrie und den Staat. Die Konzentration im Bankgewerbe und der Industrie verstärke den gefährlichen Wettstreit der Nationen um die knappen Ressourcen der Welt, hat Hilferding wenige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs prophetisch angemerkt. Manches, was Hilferding unter dem ideologiebeladenen Begriff des Imperialismus erörtert hat, findet sich in der aktuellen Debatte über das ideologiegefährdete Wort Globalisierung wieder.

          Hilferding (1877 bis 1941), aus einer jüdischen Familie stammend, ist in Wien aufgewachsen, wo er ein Medizinstudium absolviert hat. Als Wanderer zwischen den Welten hat er sich für das ökonomische Werk von Karl Marx begeistert, zugleich hat er aber auch das legendäre Seminar des führenden liberalen österreichischen Ökonomen Eugen von Böhm-Bawerk besucht, wo er die Bekanntschaft mit den später berühmten Ökonomen Joseph A. Schumpeter und Ludwig von Mises gemacht hat. Später hat Hilferding seine Karriere als Arzt aufgegeben und ist nach Berlin gezogen. Er übernimmt führende Stellungen in der SPD.

          In der Weimarer Republik hat Hilferding vor allem als Journalist und als ein auf internationalen Konferenzen geschätzter Ökonom gearbeitet. Zweimal hat ihn die SPD zum Finanzminister in Koalitionen mit bürgerlichen Parteien berufen. Seine politische Karriere ist an Vorwürfen seiner Parteifreunde gescheitert, er betreibe eine zu sehr an den Interessen der Bourgeoisie ausgerichtete Politik. 1933 ist der als Jude verfolgte Hilferding zunächst in die Schweiz und später nach Frankreich emigriert. Dort hat ihn die Gestapo ergriffen. 1941 ist Hilferding unter ungeklärten Umständen in einem Pariser Gefängnis gestorben. Es ist behauptet worden, er habe Selbstmord begangen.

          In dem Kommentarband zum Faksimile beschreibt der geschäftsführende Herausgeber der Klassiker-Edition, Bertram Schefold (Universität Frankfurt), Hilferdings Leben und dessen geistige Verwandtschaft zu Marx. Erich W. Streissler (Universität Wien) erwähnt in einem originellen Beitrag erstaunliche Verbindungslinien zwischen dem Marxisten Hilferding, dem Eklektiker Schumpeter und dem Liberalen Friedrich A. von Hayek, die Streissler mit der gemeinsamen Ablehnung des auf einer engen Verzahnung von Wirtschaft und Staat beruhenden Donaukapitalismus ihrer österreichischen Heimat erklärt. Edward J. Nell (New York School for Social Research) analysiert die Konjunkturtheorie Hilferdings, die er als Vorläufer von Theorien postkeynesianischer Provenienz bezeichnet, für die als moderner Autor Hyman P. Minsky stehe.

          Der interessanteste Kommentar stammt von einem der besten deutschen Kenner der Bank- und Finanzierungstheorie. Reinhard H. Schmidt (Universität Frankfurt) destilliert aus Hilferdings Buch zahlreiche Ideen heraus, die erst in den vergangenen zwanzig Jahren ausgiebig untersucht wurden und große Aktualität besäßen. Schmidt verweist unter anderem auf Hilferdings Analyse des Wechselspiels von realwirtschaftlichen Störungen und Kreditzyklen, seine Beschreibung der Funktion von Universalbanken, seine Analyse des Machtzuwachses großer Banken gegenüber der kreditnehmenden Industrie sowie seine These, daß auch in einer globalisierten Welt nationale Eigenarten von Finanzsystemen große Beharrungskräfte entwickelten. Inhaltlich und in seinem theoretischen Gehalt sei "Das Finanzkapital" erstaunlich modern. Daher, meint Schmidt, könne man auch über Hilferdings Bezüge zu Marx hinwegsehen.

          GERALD BRAUNBERGER

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