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Rezension: Sachbuch : Freiheit braucht klares Denken

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Hardy Bouillons liberale Analyse wohlfahrtsstaatlicher Ideen

          Hardy Bouillon: Freiheit, Liberalismus und Wohlfahrtsstaat. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1997, 184 Seiten, 56 DM.

          Warum verschwindet die Marktwirtschaft immer mehr unter einem Berg von Staatsbürokratie, Regulierung und Steuerlast? Warum läßt sich der Staat nicht auf seine "natürlichen" Grenzen beschränken? Sucht man nach der Antwort auf diese Fragen, drängt sich bald der Verdacht auf, daß es nicht ganz klar ist, wo denn nun diese Grenzen liegen. Hardy Bouillon (Universität Trier) hat sich in seinem Buch "Freiheit, Liberalismus und Wohlfahrtsstaat" vorgenommen, dieser Undeutlichkeit den Kampf anzusagen.

          Der Kernbereich, wo dieser Kampf geführt wird, liegt im Begriff der Freiheit. Hier, so stellt Bouillon fest, hätten in der Vergangenheit gerade die Theoretiker des Liberalismus, die eigentlich zur Bestimmung dieses Begriffes berufen gewesen wären, oft versagt. Manche, wie Adam Smith, hätten einfach eine Definition vorausgesetzt, ohne sich um deren klare Bestimmung zu kümmern. Andere, wie Wilhelm von Humboldt, hätten bisweilen Ausnahmen und Rücksichtnahmen erlaubt, die der Exaktheit der Begriffsbildung durchaus Schaden zufügten. Auch der wohl bekannteste liberale Denker dieses Jahrhunderts, der 1992 gestorbene Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek, hätte in seinem Werk mit Definitionen und Begründungen gearbeitet, die seinem eigentlich recht ausgeprägten Sinn für rechtsstaatliche und marktwirtschaftliche Freiheit zuwiderliefen.

          Der Grund, warum es vielen der genannten Denker an der nötigen Klarheit fehle, sei in ihrem "Konsequentialismus" zu suchen, schreibt Bouillon. Die Freiheit werde demnach nur aus dem Blickwinkel anderer Ziele heraus definiert und gerechtfertigt. Humboldt sehe in der Bildung des Menschen den Hauptzweck. Dazu sei Freiheit, neben der Mannigfaltigkeit der Situationen, eine der Hauptvoraussetzungen. Daß beide Voraussetzungen auch in Widerspruch zueinander geraten können (Unfreiheit kann auch Teil mannigfaltiger Situationen sein), hätte eine klare Grenzziehung nötig gemacht. Die liefere Humboldt aber nicht, was die Definition des Freiheitsbegriffes vernebele.

          Hayek schließlich argumentiere, daß Freiheit der effizienten Nutzung von eigenem, lokalen Wissen auf dem Markte diene. Daher sei die Marktwirtschaft erfolgreicher als Staatswirtschaften, die sich einer planerischen Anmaßung schuldig machten. Das falle, meint Bouillon, noch hinter die früheren Theorien des Liberalismus zurück, die statt der Verwendung von Wissen die Verwendung von Eigentum zum Kern ihrer Auffassungen machten. Daß Hayek dann auch noch Vorteilsvorenthaltungen zur Freiheitseinschränkung erkläre, legitimiere schließlich eine staatliche Zwangssphäre, über die er selbst erschrocken wäre, wenn er sich über die Konsequenzen seiner Definitionen im klaren gewesen wäre.

          Mit dieser Kritik sollen natürlich nicht die großen liberalen Denker geschmäht werden. Bouillon will deren liberale Ansätze nur noch konsequenter und noch liberaler weiterdenken. So wagt er sich dann gegen Ende seines Buches, das durch eine Fülle scharfsinniger Denkspiele und Begriffsanalysen besticht, an die Definition von Freiheit. Es ist keine leichte Lektüre, die Bouillon seinen Lesern anbietet, aber sie lohnt sich.

          Die gängige und unzureichende Definition, daß Freiheit die Möglichkeit zur Wahl ohne die Existenz von Zwang bedeutet, wird dabei von Bouillon entscheidend ergänzt. Damit eine Wahl als frei bezeichnet werden könne, bedürfe es nicht nur der Möglichkeit einer inhaltlichen Objektwahl. Es müsse auch eine "Metawahl" ermöglicht sein, die die Ablehnung oder Annahme des Wahlangebots selbst zum Gegenstand habe. Das klingt ein wenig kompliziert, wird aber plausibel, wenn man sich vor Augen führt, daß sonst auch das "Wahlangebot" eines Räubers, der die Bürger nachts im Park vor die Wahl "Geld oder Leben" stellt, freiheitsverträglich wäre. Bouillon reklamiert damit für sich, erstmals eine widerspruchsfreie Definition von "Freiheit" gefunden zu haben. DETMAR DOERING

          Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung,

          Königswinter

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