https://www.faz.net/-gqz-6qb5l

Rezension: Sachbuch : Ein sozialer Marktwirtschaftler

  • Aktualisiert am

Bruno Hildebrand in der Klassiker-Edition

          Bruno Hildebrand: Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft. Faksimile der 1848 in Frankfurt erschienenen Erstausgabe. Düsseldorf 1848. Verlag Wirtschaft und Finanzen. 330 Seiten. Kommentarband mit Beiträgen von Gottfried Eisermann, Vitantonio Gioia, Toni Pierenkemper, Emma Rothschild und Bertram Schefold. 288 Seiten. Preis für Faksimile und Kommentarband: 490 DM.

          Dogmenhistoriker bezeichnen Bruno Hildebrand (1812 bis 1878) gern als einen der drei Begründer der deutschen Historischen Schule in der Ökonomie - neben Wilhelm Roscher und Karl Knies. Diese Wertschätzung läßt auf ein ebenso einfluß- wie umfangreiches Werk des Gelehrten schließen. Wer das in der Klassiker-Edition erschienene Hauptwerk Hildebrands studiert, wird es nicht ohne eine leichte Enttäuschung aus der Hand legen. "Die Nationalökonomie der Gegenwart und der Zukunft" ist die Arbeit eines jungen, noch nicht gereiften Ökonomen - ein Fragment obendrein, das Hildebrand nie vollendet hat, obwohl er nach seiner Veröffentlichung noch dreißig Jahre gelebt hat.

          Das Buch enthält eine Darstellung seinerzeit populärer Wirtschaftstheorien, hinter deren Kritik Hildebrand seine eigenen Ansichten verbirgt. Im einzelnen behandelt der Autor die Lehre Adam Smiths, Friedrich Lists politische Ökonomie und, besonders ausführlich, die frühen sozialistischen Theorien. Dabei nimmt er eine vermittelnde Stellung zwischen dem liberalen Individualismus Smiths und den sozialistischen Lehren ein, was dazu geführt hat, daß Hildebrand später in die lange Reihe der Vorläufer des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft eingereiht worden ist. Eine eigene geschlossene Theorie hat Hildebrand aber weder in diesem Buch noch in seinen späteren Werken entwickelt. Am bekanntesten ist vielleicht noch sein Versuch einer wirtschaftlichen Stufenlehre, die von der Natural- über die Bargeld- zur Kreditwirtschaft führt. Aber auch dieser Versuch ist ein Torso geblieben.

          Diese merkwürdige Werkgeschichte erklärt sich aus dem bewegten Leben Hildebrands und seinem undisziplinierten Arbeitsstil. In Schlesien und Sachsen ausgebildet, nach mehreren Reisen nach England mit den Arbeiten früher Sozialisten vertraut, gerät Hildebrand Ende der vierziger Jahre als Rektor der Universität Marburg in Händel mit der Obrigkeit. In jenen Jahren entsteht sein späteres Hauptwerk. Er flüchtet in die Schweiz, wo er bis 1861 an den Universitäten Zürich und Bern lehrt. 1861 wechselt er nach Jena, wo er seine letzten Lebensjahre verbringt. Hildebrand ist aber nicht nur Ökonom gewesen, sondern auch Gründer von Eisenbahnen, Banken und Versorgungskassen und Mitglied des Weimarer Landtags. Ein vielseitiger Mann zweifellos, aber auch ein Klassiker der Nationalökonomie?

          GERALD BRAUNBERGER

          Weitere Themen

          Wie können Mint-Fächer attraktiver werden?

          Hohe Abbruchrate : Wie können Mint-Fächer attraktiver werden?

          Studenten aus dem Mint-Bereich fühlen sich oft überfordert und brechen ab. Das liegt auch an fehlenden Kenntnissen aus dem Schulunterricht. Könnten verpflichtende Vorkurse daran etwas ändern? Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.