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Rezension: Sachbuch : Ein Massengrab für heilige Kühe

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Günter Ederer über Deutschlands soziale und ökonomische Befindlichkeit

          4 Min.

          Günter Ederer: Die Sehnsucht nach einer verlogenen Welt. Unsere Angst vor Freiheit, Markt und Eigenverantwortung. C. Bertelsmann Verlag, München 2000, 478 Seiten, 49,90 DM.

          Es ist ein Glücksfall, wenn ein Fernsehjournalist nicht nur brillante ökonomische Reportagen im Geiste marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik liefert, im öffentlichen Fernsehen und mit erstaunlichen Einschaltquoten (zum Beispiel "Trottel der Nation", "Das Märchen vom König Kunden"), sondern auch ein faszinierender Bücherschreiber ist, kantig und erzliberal. Da Ederer zudem ein Kenner besonders der Vereinigten Staaten und Japans ist, darf man von seinen Reportagen und Büchern durch den internationalen Vergleich überraschende Einsichten erwarten. Und in der Tat: Auch sein neues Buch "Die Sehnsucht nach einer verlogenen Welt" enttäuscht nicht.

          Das Werk bietet die schonungsloseste Analyse der ökonomisch-sozialen Lage Deutschlands, die dem Rezensenten bekannt ist. Was Sachverständigenrat und spezialisierte Professorenweisheit zu den sozialen und ökonomischen Grundproblemen in zurückhaltenden, allenfalls besorgten Fragen zu sagen wissen - hier wird es auf den Punkt gebracht. Was dem Buch zugute kommt, ist Ederers durch Reportagen und seine Weltläufigkeit gewonnene Anschauung von der Realität und besonders sein unbeirrbarer Wille, sich nichts vormachen zu lassen. So ist auch dieses Buch mit souveräner Übersicht konzipiert und in einer Sprache formuliert, die schmerzhaft den Nerv trifft. Es dürfte Leser geben, die dieses Buch nicht aushalten, vor allem unsere Wald-und-Wiesen-Sozialpolitiker aller Parteien, Umverteilungsakrobaten und Verbandsfunktionäre, die gewohnt sind, in ihrem selbsterzeugten Phrasendunst zu leben.

          Worauf will der Autor hinaus? Er will zeigen, daß der Nach-Erhardsche Umverteilungsstaat in jeder Hinsicht am Ende ist - finanziell zunächst, aber auch dann geistig-seelisch, ja selbst biologisch, wenn man an die demographische Entwicklung denkt. Verlängert man die gegenwärtigen Trends in die Zukunft, so wird nach Ederer in den Jahren 2010 bis 2015 durch das Zusammentreffen von Staatsverschuldung und Zusammenbruch des Generationenvertrages der "Crash für Deutschland" eintreten. Der Leser sieht Deutschland nach der Lektüre anders als vorher - und fragt sich besorgt, was all dies für ihn persönlich bedeuten mag.

          Dabei ist Ederer kein Apokalyptiker jener Gattung, die seit Oswald Spengler in Deutschland ihr Unwesen treibt. Er benennt nur schonungslos, was ist. Und er sagt es in Zahlen. Da ist zunächst die Staatsverschuldung, die bei realistischer Rechnung - also inklusive der Schulden für Pensionen und Sozialversicherung, für die keine Rücklagen gebildet sind - bei gegenwärtig etwa 300 Prozent des Bruttosozialprodukts liegt. Die dramatische Zunahme der Rentner, die entsprechende Abnahme der steuer- und beitragszahlenden Bevölkerung - man kann sich denken, worauf dies hinausläuft, zumal bei einer demographischen Abwärtskurve, die Deutschland in wenigen Jahrzehnten auf die Hälfte der gegenwärtigen Wohnbevölkerung und bis zum Ende des Jahrhunderts auf die Bevölkerung reduzieren wird, die um 1800 in unseren Gegenden lebte ("Land ohne Volk", "Volk ohne Kinder").

          Wie konnte es in einem Land, das seinen ökonomischen Wiederaufstieg Ludwig Erhard verdankte, so weit kommen? Nach Ederer ist es der von Politikern kaltblütig ausgenutzte Wunsch aller, auf Kosten aller zu leben. Das Ergebnis ist ein Umverteilungschaos, von dem nicht die sozial Schwachen, sondern die Bestorganisierten und Findigsten profitieren. Der deutsche Facharbeiter steht dagegen mit seinem Drittel Netto als "Trottel der Nation" da. Man hat ihm sein Einkommen genommen, um ihn von Transfers abhängig zu machen. Und dies gilt inzwischen grundsätzlich für die gesamte Bevölkerung.

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