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Rezension: Sachbuch : Ein Kolumbus der Nationalökonomie

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Sieur de Boisguilbert in der Klassiker-Edition

          Pierre Le Pesant Sieur de Boisguilbert: Le Détail de la France. Sous le règne de Louis XIV. Faksimile der 1697 in Rouen erschienenen Ausgabe. 208 Seiten. Mit einem Kommentarband von Gilbert Faccarello, Peter D. Groenewegen und Jacqueline Hecht. 312 Seiten. Verlag Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 1996, 450 DM (Faksimile und Kommentarband).

          Bescheidenheit war für Pierre Le Pesant Sieur de Boisguilbert keine Zier. Sein Kampf gegen Unwissenheit und Böswilligkeit sei der größte Prozeß, der jemals seit der Entstehung der Welt mit der Feder geführt werde, tönte er laut. Als Person muß der normannische Jurist, Landedelmann und Hobbyschriftsteller schwer erträglich gewesen sein. Zeitgenossen schildern ihn als einen leicht erregbaren Wüterich, der als Folge von Kränkungen während seiner Kindheit später unter Verfolgungswahn leidet. Außerdem ist er ein streitsüchtiger Prozeßhansel gewesen, der seine Verwandten mit Gerichtsverfahren überzogen hat.

          Selbst Wohlmeinende tun sich mit der Lektüre seiner Werke schwer. Boisguilberts Stil sei "schlichtweg fürchterlich", klagt der Ökonom Gilbert Faccarello. Die Sätze seien oft endlos lang, wodurch man das Subjekt oder die Objekte verlieren könne, und seine Schriften strotzten von so vielen Wiederholungen, "daß auch der wohlwollendste Leser die Geduld verliert". Ein Buch trägt einen 180 Wörter umfassenden Untertitel, dessen Sinn außer seinem Verfasser vermutlich kaum jemand verstanden haben dürfte. Und ließe sich die Aufzählung von Schmähungen Boisguilberts auch fröhlich fortsetzen, so ist er doch ein bedeutender und lange Zeit unterschätzter Ökonom gewesen. "Den Kolumbus der Nationalökonomie" nennt ihn Arnold Heertje, der das wichtigste Werk des Franzosen jetzt innerhalb der Klassiker-Edition des Verlags Wirtschaft und Finanzen herausgebracht hat.

          Der in der Provinz lebende Boisguilbert (1646 bis 1714) sieht in dem Wirken Jean Baptist Colberts, der König Ludwig XIV. berät, und anderer von ihm als realitätsfremd bezeichneter Höflinge die Ursache für den von ihm konstatierten wirtschaftlichen Niedergang Frankreichs zu jener Zeit. Boisguilbert befürwortet statt dessen, fast hundert Jahre vor Adam Smith, eine Ordnung ohne Ausfuhrverbote, lähmende Vorschriften und diskriminierende Steuerverfassung. Nur wenn sich die von Eigenliebe getriebenen Menschen ohne staatliche Bevormundung entfalten könnten, entstehe ein optimales ökonomisches Gleichgewicht. Boisguilbert spricht auch von einem Zustand der "Harmonie". Über den Märkten wache eine "Vorsehung", die für die Gerechtigkeit des Tausches einstehe. Moderne Interpreten Boisguilberts sehen in dieser "Vorsehung" eine Art Vorläufer der berühmten "unsichtbaren Hand" Adam Smiths.

          Das Eintreten des Autors für eine weitgehend deregulierte Wirtschaft dürfte auch heutigen liberalen Ökonomieprofessoren gefallen - weniger vielleicht seine Behauptung, wonach nur Leute etwas von Wirtschaft verstünden, die (wie er) aktiv Geschäfte betrieben. Seine Form der Analyse läßt ihn nach Einschätzung heutiger Interpreten als einen frühen Begründer der Makroökonomik erscheinen. Jacqueline Hecht schreibt im Kommentarband, Boisguilbert habe die erste vollkommen ausgearbeitete ökonomische Theorie in französischer Sprache hinterlassen.

          Dabei äußert sich Boisguilbert nicht als unbeteiligter Beobachter, sondern aus der Warte des interessengeleiteten Unternehmers, der glaubt, durch Freihandel ließen sich rezessionsfördernde Schwankungen der Getreidepreise reduzieren. Er fürchtet Deflation und Verarmung und sieht in einem Anstieg von Preisen die Voraussetzung für ein kräftiges Wirtschaftswachstum. Seine radikalen und selbstherrlich vorgetragenen Angriffe auf die herrschende Ordnung bringen Boisguilbert viel Ärger und sogar eine zeitweilige Verbannung ein, obgleich einige Schriften zunächst anonym veröffentlicht werden. Nach seinem Tode fällt er weitgehend in Vergessenheit. Dann sind es vor allem Karl Marx und Joseph A. Schumpeter, die sich des widerspenstigen Normannen erinnern werden. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich Ökonomen, die sich intensiver mit dem Werk Boisguilberts beschäftigen. GERALD BRAUNBERGER

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