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Rezension: Sachbuch : Die Wertheims - ein deutsches Schicksal

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Zur Geschichte der Warenhäuser und ihrer jüdischen Eigentümer

          4 Min.

          Simone Ladwig-Winters: Wertheim - ein Warenhausunternehmen und seine Eigentümer. Lit-Verlag, Münster 1997, 491 Seiten, 68,80 DM.

          Simone Ladwig-Winters: Wertheim, Geschichte eines Warenhauses. be.bra-Verlag, Berlin 1997, 160 Seiten, 58 DM.

          Die Geschichte der Warenhäuser in Deutschland, die in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückreicht, ist nicht nur die faszinierende Geschichte von Pionierunternehmern und dem Erfolg einer neuen Einzelhandelsform. Die Warenhaushistorie ist auch eine Geschichte des Aufstiegs jüdischer Unternehmer im Kaiserreich und in der Weimarer Republik und ihres späteren Schicksals in der Nazizeit; denn bis auf Rudolph Karstadt sind fast alle Gründer Juden gewesen - die Wertheims ebenso wie die Familien Tietz, Schocken oder Jandorf. Die Warenhausgeschichte ist schließlich ein Lehrstück für die dunklen Seiten deutscher Mittelstandspolitik im Nationalsozialismus und für die Verstrickung von Banken und anderen Unternehmen in die sogenannte Arisierung.

          Die Autorin (Jahrgang 1955) hat mit ihren beiden Büchern über die Wertheimgruppe und ihre Eigentümer einen bemerkenswerten Beitrag zur Unternehmensgeschichte in Deutschland geleistet. (Bei dem Buch aus dem Lit-Verlag handelt es sich um die wissenschaftlich interessantere Dissertation, auf der das reich bebilderte, auf ein breiteres Publikum zielende Buch des be.bra-Verlags fußt.) Mit ihren Ausführungen hat die Autorin auch frühere Darstellungen der Warenhausgeschichte relativiert, die zumeist in einer Zeit entstanden sind, in der die Aufgeschlossenheit gegenüber historischer Aufarbeitung der Nazizeit noch nicht so groß und die Materiallage durch die Teilung schlechter gewesen ist als heute. Schließlich zeigt vor allem die Dissertation, für die zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen geführt worden sind, wie bereichernd Befragungen nach dem umstrittenen Ansatz der Oral History sein können, besonders dann, wenn durch Krieg und andere Ereignisse Lücken in der Überlieferung bestehen. Zumindest Deutungen unmittelbar Beteiligter sind auf diese Weise möglich.

          Die Wertheim-Gruppe geht wie andere deutsche Warenhäuser auch auf ein Textilgeschäft in der Provinz zurück, das Abraham Wertheim 1875 in Stralsund eröffnet hatte, vier Jahre vor Leonhard Tietz am selben Ort. Der eigentliche Aufstieg beginnt dann aber in Berlin, dieser damals explosionsartig wachsenden Stadt, die viele Menschen, darunter auch viele Juden, anzieht. Abrahams Sohn Georg Wertheim, der führende Kopf der Eigentümerfamilie, ist der erste, der in Berlin den Begriff Warenhaus bewußt einsetzt - zur Abgrenzung von großen Billigläden. Mit seinen Bauten rückt er auch Wertheim als erstes der konkurrierenden Warenhausunternehmen ins öffentliche Bewußtsein. Ein Großbau am Leipziger Platz wird zum damals größten Warenhaus Deutschlands und mit einer neuen Architektur und Warenästhetik zugleich zu einer Sehenswürdigkeit in Berlin. Der unternehmerische Erfolg der Warenhäuser allgemein löst jedoch schon frühzeitig Attacken aus dem kleinen und mittleren Handel aus. Im Jahr 1900 wird zum Beispiel auf Betreiben mittelständischer Lobbyisten eine Warenhaussteuer als Sondersteuer zur Eindämmung dieser Betriebsform erlassen, die freilich nicht den gewünschten Erfolg hat. Der kleine Einzelhandel wehrt sich auch politisch gegen neue Betriebsformen - ein vertrautes Bild bis heute. Antisemitismus spielt im Kaiserreich noch keine Rolle, obwohl er latent vorhanden ist.

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