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Rezension: Sachbuch : Die Vision der Eigentumsgesellschaft

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Zwei Bremer Wissenschaftler schreiben die Wirtschaftstheorie um

          Gunnar Heinsohn/Otto Steiger: Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996, 544 Seiten, 58 DM.

          Der Anspruch der beiden Bremer Wissenschaftler ist alles andere als bescheiden. "Auf der Suche nach dem entscheidenden Fehler aller bisherigen Versuche, eine Wirtschaftstheorie zu formulieren, werden wir zeigen, daß die Ökonomen bloß Geschichte getrieben haben, wo sie theoretisch hätten arbeiten sollen", versprechen Gunnar Heinsohn - Historiker, Ökonom und Soziologe - und Otto Steiger - Makroökonom. Weiter heißt es - an die Adresse der Ökonomenzunft: "Überdies haben ihre historischen Vorstellungen mit dem Lauf der Welt nichts, mit dem irrlichternden Zauber evolutionistischer oder gar teleologischer Ideen jedoch alles zu tun."

          Heinsohns und Steigers ehrgeiziger Versuch, erstmals eine taugliche Theorie des Wirtschaftens schreiben zu wollen, gründet auf einer eigentlich ganz originellen, mit einem kräftigen Schuß Keynesianismus angereicherten Idee. Diese Idee wird von den Autoren aber so weit aufgeblasen, bis ihnen (und dem Leser) der Atem auszugehen droht. Heinsohn und Steiger behaupten, die Grundlage des Wirtschaftens in modernen Gesellschaften sei nicht der Tausch, sondern das haftende Eigentum in seiner Eigenschaft als immaterieller Rechtstitel. Die Annehmlichkeit, über solche Eigentumsrechte zu verfügen, heißt bei ihnen "Eigentumsprämie" (Ähnlichkeiten mit der keynesianischen "Liquiditätsprämie", die die Annehmlichkeit der Geldhaltung ausdrückt, sind alles andere als zufällig). Diese "Eigentumsprämie" wird zur Kerngröße der "Eigentumsgesellschaft", indem sie - unbewußt - die Konjunkturzyklen steuert. Wirtschaft kommt bei den Autoren nur in Gang, wenn Unternehmer über belast- und verpfändbares Eigentum verfügen, das Kreditaufnahmen zur Vorfinanzierung der Produktion erlaubt. Durch Schaffung von Kreditverträgen zwischen Gläubigern und Schuldnern entstünden Geld und Zins: "Wir hingegen erklären den Zins aus der zeitweiligen Blockierung von Gläubigereigentum. Die mit seiner Belastung aufgegebene Eigentumsprämie ist es, die der Schuldner mit Zins kompensieren muß."

          Mit diesem Grundgedanken im Gepäck deklinieren sich Heinsohn und Steiger auf mehr als 500 Seiten mit zahllosen Wiederholungen durch das Vokabular der Wirtschaft. Märkte entstehen, weil verschuldete Produzenten Geld zur Bedienung ihrer Kredite brauchen: "Der Markt ist also kein Tauschplatz für Güter, die nach den Präferenzen von Konsumenten (Neoklassik) oder nach den Kosten von Produzenten (Klassik) ihren Besitzer zu deren Vorteil wechseln, sondern eine Instanz zur Einwerbung von Kaufverträgen über Waren." Wirtschaftliche Dynamik, Profitstreben, Produktinnovation und Wettbewerb - für Heinsohn und Steiger sind diese Phänomene nur "Abfallprodukte der schuldengetriebenen Produktion". Drohen Theorie und Realität auseinanderzufallen, wird Sprachbombast zum brüchigen Kitt: "Der freie Lohnarbeiter tritt mit dem nicht verlierbaren, dadurch allerdings auch nicht verpfändbaren Eigentum an sich selbst in einen Gläubiger-Schuldner-Kontrakt. In diesem überträgt er als Gläubiger an den Unternehmer als seinen Schuldner auf Zeit Nutzungsrechte aus der Besitzseite seines Eigentums, das heißt seine Arbeitskraft oder Arbeitsleistung." Eine umständlichere Beschreibung des Arbeitsmarktes dürfte kaum zu finden sein.

          Die Fragwürdigkeit der Theorie von Heinsohn und Steiger zeigt sich zum Beispiel in ihrer "Eigentumstheorie der Krise". Wirtschaftskrisen entstünden als Folge von Veränderungen der Eigentumsprämie, also wegen einer schwankenden Wertschätzung des Eigentums. Hohe Profiterwartungen begünstigten die Neigung, Eigentum zu verpfänden: Eigentumsprämie und Zins seien dann niedrig. Furcht vor niedrigeren Profiten erhöhten allerdings Eigentumsprämie und Zins. Dadurch verschlechtere sich die Qualität des Kreditbestandes einer Wirtschaft mit dem Ergebnis einer schweren Konjunkturkrise. Da Geld- und Finanzpolitik als machtlose Instrumente gelten, holen die Autoren einen ganz großen Knüppel aus dem Sack: "Der Staat muß wie ein Romulus handeln, also durch die radikale Verteilung von Eigentum die Verschuldungsfähigkeit wiederherstellen."

          Leider bleiben Heinsohn und Steiger an dieser Stelle merkwürdig unbestimmt. Nach der Sage zogen Romulus und Remus auf dem unbevölkerten Palatinhügel am Tiber eine runde Mauer. Nachdem Romulus seinen Bruder ermordet hatte, gründete er innerhalb der Mauern die Stadt Rom, indem er sie "zum Asyl machte für alle Verfolgten und Unterdrückten" (Jochen Bleicken). Aber die heutige Welt ist nicht leer wie der Palatin vor fast dreitausend Jahren. "Eine Politik, deren Radikalität den historischen Sternstunden der Schaffung von Eigentum nicht nachsteht", könnte, von der vorübergehenden Privatisierung von Staatseigentum abgesehen, auf Dauer wohl nur auf einer erheblichen Umverteilung privater Eigentumsrechte beruhen - von Reichen, die zu Lasten ihres Eigentums keine Kredite aufnehmen wollen, zu potentiellen Schuldnern, die noch nicht über "Haftungseigentum" verfügen. In diesem Falle stellten Heinsohn und Steiger freilich nicht nur die gegenwärtige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, sondern auch die Logik ihrer Theorie auf den Kopf. Eine durch Recht und Vertrauen auf Vertragserfüllung gekennzeichnete "Eigentumsgesellschaft" würde durch einen despotischen Staat, der auf radikale Weise Eigentumsrechte verletzte, nur um die Kreditnachfrage anzuregen, eher zerstört als stabilisiert. GERALD BRAUNBERGER

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